Europa braucht die Säule sozialer Rechte

Gastbeitrag von EU-Kommissarin Marianne Thyssen

Marianne Thyssen,

EU-Kommissarin für Beschäftigung, Soziales, Qualifikationen und Arbeitskräftemobilität

Die Welt, wie wir sie kennen, verändert sich zunehmend durch Einflüsse der Globalisierung, der Digitalisierung und des demografischen Wandels. Das verändert auch die Funktionsweise unserer Wirtschaft und unserer Arbeit. Dadurch entstehen neue Jobs mit neuen Aufgaben, die neue Fähigkeiten verlangen. Es entstehen große Chancen für Unternehmen, Arbeitnehmer und Bürger. Aber wir müssen uns auch Herausforderungen stellen. Denn es gibt Menschen in unserer Gesellschaft, die mit dem rasanten Wandel nicht mithalten können. Diese Menschen haben Angst zurückzubleiben; sie sorgen sich um die Zukunft ihrer Kinder und Enkel. Ich verstehe diese Unsicherheit, diese Angst. Deshalb wollen wir den Veränderungen nicht einfach tatenlos zusehen. Stattdessen wollen wir unsere Zukunft aktiv gestalten und in die Menschen investieren, damit niemand zurückbleibt.

Daher haben wir 2017 die Europäische Säule sozialer Rechte vorgeschlagen, die im selben Jahr auf dem ersten Sozialgipfel der Europäischen Union (EU) seit 20 Jahren beschlossen wurde. Die Säule ist ein Meilenstein der europäischen Sozialpolitik. Sie zeigt uns den Weg in eine zukunftsorientierte Politik. Sie beschreibt 20 Prinzipien und Rechte in drei Kapiteln: erstens Chancengleichheit und Arbeitsmarktzugang, zweitens faire Arbeitsbedingungen und drittens Sozialschutz und soziale Inklusion. Unser Ziel ist es, die größten sozialen Unterschiede zwischen Mitgliedstaaten der EU anzugleichen – für bessere Lebensstandards und faire Arbeitsbedingungen. Wir wollen Menschen besserstellen und gleichzeitig sicherstellen, dass unsere Gesetze und Institutionen für die digitale Zukunft gerüstet sind. Alle Mitgliedstaaten haben sich diesen Zielen verpflichtet.

Um den Menschen dabei zu helfen, die nötigen Fähigkeiten zu erlangen, haben wir eine europäische Agenda für Kompetenzen eingeführt. Wir haben Rechtsvorschläge eingebracht, die Mitarbeiter in besonders prekären Situationen absichern und schützen sollen. Das gilt sowohl in Bezug auf Arbeitsbedingungen, als auch auf den Zugang zu sozialen Sicherungssystemen. Außerdem haben wir einen Vorschlag eingebracht, der die „Work-Life-Balance“ von Frauen und Männern verbessern soll, um Berufs- und Familienleben besser miteinander zu vereinbaren. All diese Vorschläge wurden vom Europäischen Parlament und von den Mitgliedstaaten angenommen. Durch diese neuen Gesetzgebungen wird sich das Leben vieler Europäer verbessern.

Mit der Europäischen Säule sozialer Rechte haben wir einen Kompass an der Hand, der uns hilft, Europa durch die großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu manövrieren. Das spielt nicht nur in sozialen Fragen eine Rolle, sondern ist essentiell für unsere Produktivität, Innovation und Wettbewerbsfähigkeit auf globaler Ebene. Die Säule hilft uns, eine moderne, inklusive und wettbewerbsfähige Gesellschaft aufzubauen, in der eine dynamische Wirtschaft und sozialer Fortschritt Hand in Hand gehen.

Wir wollen dieses Momentum aufrechterhalten. Das passiert allerdings nicht von alleine. Es liegt in unserer gemeinsamen Verantwortung, soziale Rechte umzusetzen. Deshalb müssen sowohl Mitgliedstaaten, Sozialpartner als auch die Zivilgesellschaft eingebunden werden. Zu den deutschen Unterstützern gehören: Das Deutsche Rote Kreuz, die Caritas, die Diakonie, die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland, die Arbeiterwohlfahrt und der Deutsche Verein für öffentliche und private Fürsorge. Nur wenn wir zusammenarbeiten, können wir die Erfolgsgeschichte eines fairen und sozialen Europas auf Jahre hinaus fortschreiben.

Marianne Thyssen

Seminar und Austausch für deutsche und israelische Freiwillige
 
Foto: Jonas Skorpil

DIFD 2019: Feedback aus Israel und Treffen in Bad Sobernheim

Kontakt und Info:

Orly Raibstein-Gershuny
T.: 069 / 944371-33
gershuny@zwst.org  
www.zwst-difd.de

Der deutsch-israelische Freiwilligendienst wurde 2015 als Kooperationsprojekt zwischen der deutschen und israelischen Regierung ins Leben gerufen und ist ein einzigartiger Beitrag zur Freundschaft beider Länder. Er gibt jungen Deutschen und Israelis die Möglichkeit, das jeweilige Partnerland auf eine besondere Art kennenzulernen. Das nächste Freiwilligenjahr startet im September 2019, hier werden 12 „Outgoing Volunteers“ nach Israel gehen, weitere Bewerbungen sind noch offen. Aus Israel sind bis September 2019 noch 3 Freiwillige hier, ab September kommen dann 6 neue „Incoming Volunteers“ aus Israel nach Deutschland. Die israelischen Volunteers unterstützen unter anderem die jüdische Kita in Frankfurt sowie die jüdische Schule in Stuttgart.

Michelle Bal (19) leistet seit September 2018 bei ALUT in Haifa (einer Einrichtung für Menschen mit Autismus) ihren Freiwilligendienst und wird ihn voraussichtlich auf insgesamt 18 Monate verlängern: „In den letzten Monaten habe ich mehr gelernt, was Zwischenmenschlichkeit, Respekt, Geduld und Wertschätzung angeht als in der Schule. Die Arbeit mit autistischen Menschen hat mich ein Stück weit verändert. Die fehlenden Kommunikationsmöglichkeiten haben mir gezeigt, wie wichtig neben der Sprache andere zwischenmenschliche und mimische Signale sind, denen man im Alltag kaum Aufmerksamkeit schenkt. Es war etwas Besonderes, die individuellen Charakterzüge der Menschen bei ALUT zu entdecken – und das Wichtigste ist: Sie sind Menschen wie du und ich. Sie haben Bedürfnisse, eine Geschichte, Sachen, die sie lieben und Eigenschaften, die sie einzigartig machen. Natürlich benötigt es Zeit, sie kennen zu lernen und einen individuellen Weg für den alltäglichen Umgang zu finden. Es gibt so viele wunderschöne Storys zu erzählen - das sollte man selbst erleben! Daher empfehle ich jedem, der die Möglichkeit hat und sich traut, den Kulturschock in Kauf zu nehmen, es zu wagen, denn es wird sich lohnen!“

Im Max-Willner-Heim wurde vom 03. bis 07. Juni eine Vor- und Nachbereitung für die Freiwilligen organisiert: ein Vorbereitungsseminar für die deutschen Freiwilligen, die ab September nach Israel gehen sowie eine Nachbereitung für die deutschen und israelischen Freiwilligen. Eine weiteres Seminar für die „Incoming Volunteers“ aus Israel wird im September stattfinden.

Beim Vorbereitungsseminar im Juni ging es um die pädagogische und logistische Vorbereitung auf den Freiwilligendienst. Themen waren die deutsch-israelischen Beziehungen, der Alltag in Israel, Inklusion und das eigenständige Leben im Ausland für einen längeren Zeitraum. Bei den Nachbereitungsseminaren lag der Fokus auf der Verarbeitung des Erlebten. Die Freiwilligen reflektierten über ihre Zeit in Israel und Deutschland, filterten Gelerntes heraus und setzten sich mit Möglichkeiten des nachhaltigen Engagements innerhalb der Zivilgesellschaft auseinander.

Diese gleichzeitig stattfindenden Seminare boten die perfekte Gelegenheit für einen intensiven Kontakt und Austausch, zumal es immer wieder inhaltliche Überschneidungen gab. Zum Beispiel konnten die zurückgekehrten deutschen Freiwilligen den neuen „Outgoing Volunteers“ essentielle Tipps zum Ankommen und Wohnen in Israel geben. Auch ehemalige deutsche und israelische Freiwillige waren in allen Seminaren dabei und organisierten teils sogar eigene Workshops, um ihre Erfahrungen weiterzugeben. Somit wurden diese Fortbildungen einerseits interaktiver, zum anderen wird das DIFD-Alumni-Netzwerk gestärkt.

Orly Raibstein-Gershuny, Projektleiterin DIFD

Studierende der Sozialpädagogik und Führungskräfte der Polizei wirken als Multiplikatoren

Neben vielfältigen Schulungen, Workshops und öffentlichen Veranstaltungen hat das Projekt Perspektivwechsel Plus im ersten Halbjahr 2019 einige mehrmodulige Fortbildungsreihen abschließen können, wie z.B. die 5-modulige "Einführung in die Diversitätsorientierte Jugendarbeit" in Kooperation mit dem Jugendamt der Stadt Erfurt.

Auch das 3. Modul des „DIVERSITY-Training für Lehramtsstudierende und Studierende der Erziehungswissenschaft/Sozialpädagogik" wurde erfolgreich beendet, in Kooperation mit dem Institut für Erziehungswissenschaft an der Universität Jena. Bei dieser Reihe haben Studierende der Erziehungswissenschaft und Sozialpädagogik die Möglichkeit, sich mit dem Themenkomplex Diversität auseinander zu setzen und Kompetenzen zu erwerben. Insgesamt sind es fünf 2-tägige Module, an denen die Studierenden freiwillig teilnehmen. Durch entsprechende Erhebungen gibt es einen guten Einblick in die Motivationslagen. Die Studierenden sehen die Notwendigkeit, sich in diesem Themenfeld weiterzubilden, als Privatperson und auch in Hinblick auf ihre berufliche Praxis. Die angebotenen Inhalte werden als essentielle Kompetenzen wahrgenommen, die im Curriculum des Regelstudiums nicht verankert sind.

Die Seminarteilnehmenden berichten von etlichen Situationen schon während des Studiums, die sie selber im Praktikum oder im Nebenjob erfahren haben und keine oder nur ungenügende Mittel an der Hand hatten, um damit umgehen zu können. Das Team von Perspektivwechsel Plus freut sich über die hohe Bereitschaft, sich mit Phänomenen von Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit auseinander zu setzen, sich zu qualifizieren und das erworbene Wissen in das eigene berufliche und auch private Umfeld hineinzutragen.

Auch neue Seminarreihen sind hinzugekommen. Im Dezember 2018 startete die Fortbildungsreihe „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und Diskriminierung für PolizistInnen der Landespolizeiinspektion Thüringen“, in Kooperation mit der Stabsstelle Polizeiliche Extremismusprävention. Hier setzen sich Führungskräfte aus verschiedenen Bereichen der Polizei mit verschiedenen Facetten von Diskriminierung und Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit auseinander. Die Gruppe reflektiert eigene Erfahrungswerte, Haltungen und Perspektiven, erwirbt Wissen und Kompetenzen in diesen Themenfeldern und wird nach Abschluss der Reihe multiplikatorisch in ihren jeweiligen Arbeitsbereichen wirken. Die Teilnahme an dieser Reihe ist ebenfalls freiwillig und bekommt hohen Zuspruch.

Beate Klammt

„Train the Trainer“ - Programm für Akteure der Bildungsarbeit

Das vom Kompetenzzentrum für Akteure der Bildungsarbeit entwickelte Programm „Fit für Bildung - Empowering Community“ ging nach 3 Seminartagen am 22. Februar 2019 zu Ende. Das Seminar, angeleitet von Jana Scheuring und Romina Wiegemann, verstand sich als „Train the Trainer“-Angebot, mit dem an insgesamt 5 Seminartagen die wesentlichen Aspekte eines professionellen Arbeitsverständnisses im Themenfeld Antisemitismus bearbeitet wurden. Der Blick auf die erste biografische Konfrontation mit dem Thema Antisemitismus bildete einen wesentlichen Ausgangspunkt für die Reflexion über traditionelle pädagogische Zugänge, die sich in der schulischen Bildung meist auf die Vermittlung historischen Wissens über Nationalsozialismus und Shoah beschränken.

Aufgrund der heterogenen Zusammensetzung der Gruppe, die aus jüdischen und nichtjüdischen BildungsreferentInnen bestand, konnte die Bedeutung von Unterschieden hinsichtlich des persönlichen Erfahrungswissens herausgearbeitet werden. Die unterschiedlichen Perspektiven auf Antisemitismus und die Implikationen für die eigene Positionierung im Themenfeld sind zentrale Inhalte antisemitismuskritischer Bildung. Darüber hinaus bildete der kollegiale Austausch über die Herausforderungen der Arbeit zu Antisemitismus (Arbeit an Tabuzonen, Widerstände, Abwehr) einen weiteren Schwerpunkt. Abgerundet wurde das Seminar durch Möglichkeiten der Vertiefung anhand von Fallanalysen sowie Trainingseinheiten für den Umgang mit Vorfällen im Kontext der eigenen Arbeit.

Romina Wiegemann 

Kompetenzzentrum und Beratungsstelle OFEK auf der Leipziger Buchmesse

Auf Einladung der GEW Sachsen bot das Kompetenzzentrum zwei Workshops mit dem Titel „Ist Jude ein Schimpfwort?“ auf dem Lehrertag an, der traditionell im Rahmen der Leipziger Buchmesse abgehalten wird. Am 21. und 22. März versammelten sich jeweils größere Gruppen interessierter Lehrkräfte, um ihre Wahrnehmung von aktuellen Formen von Antisemitismus zu stärken und weiterführende Angebote des Kompetenzzentrums kennenzulernen.

Am Abend des 22. März diskutierte Vivien Laumann (OFEK) mit Roland Löffler, Leiter der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung und Claudia Maaß (GEW) über Antisemitismus im Kontext Schule und mögliche Handlungsstrategien. Eine Fortsetzung der Zusammenarbeit mit der GEW Sachsen im Rahmen der der Leipziger Buchmesse 2020 ist in Planung.

Romina Wiegemann

stopantisemitismus.de

Neue Website mit Beteiligung des Kompetenzzentrums

Wer sind wir?

stopantisemitismus.de ist ein bisher einzigartiger Zusammenschluss von bundesweiten Initiativen und Einzelpersonen gegen Antisemitismus: Lehrkräfte, Pädagogen und Pädagoginnen, Multiplikatoren, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Vertreterinnen und Vertreter des Zentralrats der Juden, der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden und des Zentralrats der Muslime, zivilgesellschaftliche Akteure, Stiftungsvertreter und -vertreterinnen, Psychologinnen und Psychologen, Journalistinnen und Journalisten – eine Gruppe mit interreligiöser und transkultureller Kompetenz und langjähriger Erfahrung im Erkennen, Erforschen und Bekämpfen von Antisemitismus. Ins Leben gerufen wurde das Projekt im Mai 2018 von der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius. Über einen Zeitraum von einem Jahr hat die Gruppe die Inhalte für diese Website erarbeitet – mit dem Ziel, die Zivilgesellschaft für alltäglichen Antisemitismus zu sensibilisieren, zu informieren und Hilfestellung zu bieten.

Was wollen wir erreichen?

Antisemitismus geht uns alle etwas an. Kein judenfeindlicher Satz darf unkommentiert bleiben, die Verwendung von „Jude“ als Schimpfwort darf nicht ignoriert werden.

stopantisemitismus.de unterstützt Zeugen und Zeuginnen, Unbeteiligte und Betroffene antisemitischer Vorfälle sowie Menschen, die sich einbringen wollen, aber bisher nicht wissen, wie, und wo sie Unterstützung finden. Auf unserer Website finden Sie Informationen, Handlungsempfehlungen und Argumentationshilfen gegen antisemitische Äußerungen und Übergriffe – ob im Bus, auf dem Schulhof, auf dem Fußballplatz, im Internet oder unter Freunden, Kolleginnen und Kollegen.

stopantisemitismus.de erklärt anhand Dutzender Zitate und Szenen aus dem deutschen Alltag: Was ist an diesen Äußerungen problematisch? Wie kann man in dem Moment reagieren? Und wer hilft mir dabei?

Mit einer umfangreichen Datenbank bietet stopantisemitismus.de hilfreiche Kontakte bei antisemitischen Vorfällen, Anlaufstellen für Workshops, Fortbildungen, Seminare für Lehrkräfte, Jugendliche, Eltern und interessierte Bürgerinnen und Bürger. Zusätzlich finden Sie auf stopantisemitismus.de eine Liste von Websites und Publikationen, die helfen, Antisemitismus zu erkennen und aktiv gegen ihn vorzugehen.

Was kann unsere Website leisten?

Eine Website kann nicht die persönliche Auseinandersetzung ersetzen, die es braucht, um antisemitische Einstellungen zu ändern. Doch sie kann Anlaufstelle für jene sein, die Haltung zeigen wollen. Sie kann informieren und für antisemitische Äußerungen sensibilisieren.

Quelle:https://www.stopantisemitismus.de/das-projekt

Zuwachs im Berliner Büro: 

Herzlich willkommen, Jennifer Sartori-Krusche

Jennifer Sartori-Krusche

Projektleiterin „rückenwind+“,
Referentin für Altenhilfe und Gesundheit

Liebe Jennifer, bitte skizziere kurz deine Biografie: „Im Herbst 1993 habe ich mein Studium der Sozialen Arbeit in München abgeschlossen und in der Israelitischen Kultusgemeinde München als Sozialarbeiterin im Bereich der Beratung und Begleitung der jüdischen Zuwanderinnen und Zuwanderer gearbeitet. 1998 habe ich die Einrichtungsleitung des jüdischen Saul Eisenberg Seniorenheims der IKG München übernommen. Die Einrichtung wird von der AWO München betrieben und von der Saul-Eisenberg-Seniorenheim-Stiftung gefördert. In den folgenden 17 Jahren konnte ich vielfältige Erfahrungen als Einrichtungsleiterin sammeln, die mich persönlich enorm bereichert und geprägt haben. Meine Leitungstätigkeit im Saul Eisenberg Seniorenheim endete im Februar 2015, ich wollte mich neuen beruflichen Herausforderungen stellen. Da ich bereits seit einigen Jahren eine Fernbeziehung nach Berlin führte, entschied ich mich für einen Umzug in die Hauptstadt. Hier fand ich eine neue Aufgabe beim Bundesverband der Arbeiterwohlfahrt als Referentin für Migration. Der Kontakt zur ZWST blieb durch meine bundesverbandliche Tätigkeit in dieser Zeit bestehen. Ich selbst bin gebürtige Amerikanerin, in Deutschland aufgewachsen, bin Mitglied der IKG München, habe drei Geschwister, ein sehr inniges Verhältnis zu meinen Eltern und durch meine Heirat eine noch größere wunderbare Familie an meiner Seite.“

Du bist bei der ZWST keine Unbekannte. Wir freuen uns, dass du jetzt direkt bei uns ´gelandet` bist. Wie kam es dazu? „Der Direktor der ZWST, Aron Schuster wusste schon länger um meine Bereitschaft, für die ZWST zu arbeiten. Er sprach mich im Herbst 2018 mit einem konkreten Projektangebot ab 2019 an. Der zweite Arbeitsschwerpunkt sollte die bundesverbandliche Interessenvertretung der ZWST im Bereich der Altenhilfe sein. Ich hatte großes Interesse, wieder im Bereich Altenhilfe aktiv zu werden und auch eine gewisse Sehnsucht nach dem jüdischen Kontext. Mir war wichtig, an mein Erfahrungswissen inhaltlich anzuknüpfen. Das Arbeitsangebot war wie maßgeschneidert und ich sagte zum 01.04.2019 zu.“ 

Was genau sind deine Arbeitsgebiete? „Der Leiter des Berliner ZWST-Büros, Günter Jek, hat zum wiederholten Mal erfolgreich ein Projekt mit dem Titel ‚rückenwind+‘ beim Europäischen Sozialfonds (ESF) beantragt, ich habe die Projektleitung übernommen. Das Projekt wird in 2019/2020 vier Module für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter jüdischer Gemeinden mit unterschiedlichen Qualifizierungsmaßnahmen anbieten. Dabei geht es um Personal- und Organisationsentwicklung, um die Akteure der jüdischen Gemeinden vor Ort zu stärken und ihnen Möglichkeiten der Weiterentwicklung aufzuzeigen. Das zweite Handlungsfeld ist die bundesverbandliche Gremienarbeit in der Altenhilfe. Diese wird bisher für die ZWST außerordentlich intensiv durch Bert Römgens, Einrichtungsleiter des Nelly-Sachs-Hauses in Düsseldorf, erledigt. Gemeinsam werden wir nun die ZWST in diesem Arbeitsfeld vertreten.“

Was sind aus deiner Perspektive die Herausforderungen? „Einerseits müssen wir immer noch erklären und vielfach rechtfertigen, was das ‚andere oder gar besondere‘ der jüdischen Seniorenarbeit ist. Andererseits müssen sich jüdische Seniorenheime genauso mit den aktuellen Herausforderungen der Pflege wie Palliativversorgung, Pflegekräftemangel, Digitalisierungserfordernisse (eHealth, Robotics…), Versorgung demenziell erkrankter Menschen u.v.m. befassen. Der wirtschaftliche Druck und die Konkurrenz sind groß. Jüdische Einrichtungen der Altenhilfe, ihre Entscheidungsträger und Mitarbeiter müssen gestärkt und ihren Bedarfen eine laute Stimme gegeben werden. Zudem müssen wir uns als jüdische Gemeinschaft konsequent mit dem Thema ‚Einsamkeit‘ befassen und ressourcenorientierte Strategien entwickeln, wie wir diesem verzweifelten Gefühl bei vielen älteren Menschen begegnen können. Ich möchte von der Basis hören, wo der Schuh drückt, um mit klaren Worten in Gremien und Ausschüssen auf die Realitäten und Bedarfe jüdischer Institutionen hinzuweisen und Verbesserungen einzufordern. Die ZWST ist bereits heute Expertin im Bereich der Altenhilfe und umso mehr freue ich mich heute, Teil des Teams zu sein.“

Vielen Dank!  HvB, ZWST 

Neues Qualifizierungsangebot der ZWST

Das Projekt „Zukunftsforum 2025“ wird im Rahmen des Programms „rückenwind+“ durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und den Europäischen Sozialfonds gefördert.

Die ZWST hat sich der Aufgabe verpflichtet, die Akteurinnen und Akteure der jüdischen Gemeinden in Deutschland in der Ausübung ihrer täglichen Arbeit zu stärken, zu unterstützen und ihnen dafür Qualifizierungs- und Entwicklungsangebote zu machen. Angesichts weiterhin bestehender Chancenungleichheit, der zunehmenden Armutsrisiken, des digitalen Wandels in allen Lebensbereichen und der demographischen Veränderungsprozesse in den jüdischen Gemeinden, sind die Erwartungen und Anforderungen an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aller Handlungsfelder innerhalb jüdischer Institutionen sehr hoch.

Im Rahmen des Programms rückenwind+ beim Europäischen Sozialfonds (ESF) plant die ZWST ab Dezember 2019 insgesamt 4 Seminare zu den Schwerpunktthemen Personalentwicklung und Organisationsentwicklung. Im „Zukunftsforum 2025“ sollen jüdische Sichtweisen diskutiert, Wissen aufgefrischt und neue Kenntnisse vermittelt werden. Es wird über den eigenen „Tellerrand“ geblickt, dabei werden folgende Themen in den Mittelpunkt gestellt: Fördermöglichkeiten von Projekten, Antidiskriminierung, Ökologisches Management, Digitalisierung, Genderaspekte u.v.m.

Zukunftsforum 2025 - ein Projekt der ZWST im Programm „rückenwind“+ Qualifizierungsmaßnahmen für Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen jüdischer Gemeinden*

01. - 03.12. 2019: Personalentwicklung: Empowerment und Führung
08. - 10.03. 2020: Organisationsentwicklung – Digitalisierung
21. - 23.06. 2020: Kooperationen/Netzwerkarbeit - Drittmittelakquise
25. - 27.10. 2020: Projektarbeit: von der Idee bis zum Antrag

*Die vier Module können nur zusammen gebucht werden, detaillierte Informationen folgen.

Seminarort: Berlin
Kontakt: Jennifer Sartori-Krusche,
sartori-krusche@zwst.org 
T.: 030/257 60 99-21

„From Berlin to Jerusalem: Jewish Welfare across Boundaries“ 

 Tagung in Jerusalem

Die ZWST hatte vom 27. bis 28. Mai die große Ehre, an der Konferenz "From Berlin to Jerusalem: Jewish Welfare across Boundaries" in Jerusalem mitzuwirken. Die Konferenz wurde u.a. vom Leo-Baeck-Institut, dem Ralph Goldmann Center und der Hebrew Universität in Jerusalem organisiert.Der einleitende Abend war der erstmaligen Publikation gesammelter Schriften Bertha Pappenheims in hebräischer Sprache gewidmet. Laura Cazés, Referentin für Verbandsentwicklung bei der ZWST, skizzierte in ihrem Vortrag, wie die Grundsteinlegung der ZWST durch Bertha Pappenheim und die Fortentwicklung des Leitbildes „Zedaka - Wohlfahrt nach dem jüdischen Prinzip der Wohltätigkeit“ durch Leo Baeck bis heute in die Arbeit der Organisation hineinwirkt. Die Tagung beschäftigte sich außerdem mit der rasanten Entwicklung der jüdischen Wohlfahrt in den 20er und 30er Jahren in Deutschland und ihrem Einfluss auf die Lehre und Praxis der Sozialarbeit in Palästina unter dem Britischen Mandat.Viele prägende Persönlichkeiten, wie z.B. Sidonie Wronsky, hatten die ZWST in ihrer Frühzeit begleitet und später einen maßgeblichen Beitrag zum Aufbau des israelischen Sozialsystems in Palästina geleistet.

Diese Gründungsfiguren sind bis heute auch in Deutschland als Pionierinnen der Sozialen Arbeit bekannt, da sie nicht nur innerhalb der jüdischen Wohlfahrtspflege aktiv waren, sondern auch in der Weimarer Republik Einfluss auf die Entwicklung des modernen Wohlfahrtssystems genommen hatten. Aron Schuster, Direktor der ZWST, schloss die Konferenz und berichtete in seinem Beitrag über die aktuellen Lebensrealitäten und die sozialen Herausforderungen der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland. Er hob drei Kontinuitäten hervor, auf die im Rahmen der Konferenz immer wieder eingegangen wurde: Die Herausforderungen von Flucht und Migration waren immer eine führende Thematik in der jüdischen Wohlfahrtspflege - und sind es bis heute. Des Weiteren gibt es starke Verbindungen zwischen der jüdischen Wohlfahrt in Deutschland und der sozialen Arbeit in Israel. Drittens: Die ständige Interaktion zwischen der Professionalisierung Sozialer Arbeit einerseits und den Leitprinzipien jüdischer Sozialethik wurde von den Gründungsfiguren als Fundament gelegt und trägt die Arbeit der ZWST bis heute.

Laura Cazés, ZWST

„Lo Nafsik Lashir, Beni“ - Memorial Evening in Israel

Mit einer sehr bewegenden Veranstaltung nahmen am 26. Mai in Jerusalem die engsten israelischen Partner, Kollegen, Freunde und Familienangehörigen Abschied vom langjährigen Direktor der ZWST, Beni Bloch sel.A. Insbesondere der enge Kontakt der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland zu Israel war ein essenzieller Teil seines Lebenswerkes.

Zu den hochrangigen Rednern gehörten Avraham Duvdevani (Vorsitzender der World Zionist Organization), Jaki Hod (Vertreter der ZWST in Israel), Zeev Schwartz (CEO, Torah Mitzion), Roi Abecassis (General Director, World Bnei Akiva), Effi Stenzler (ehem. Vorsitzender des Jüdischen Nationalfonds), Eli Stern, Amos Safrai (Präsident und Direktor des Emunah Appleman College), Dr. Michael Yudovedski (Educational Manager Central Europe, Jewish Agency for Israel), Avi Dickstein (ehem. Geschäftsführer des Jüdischen Nationalfonds) und ein enger Familienangehöriger aus Israel, Nir Scher.Die Lieder, mit denen Akkordeonist Moishele Gerstein im Weizmann-Saal im Haus der Zionistischen Weltorganisation (WZO) durch den Abend begleitete, wären ganz nach seinem Geschmack gewesen. Lo Nafsik Lashir Beni, wir werden nicht aufhören zu singen.

Im Folgenden ein Auszug aus einer Rede, die Aron Schuster, Direktor der ZWST im Rahmen der Gedenkveranstaltung gehalten hat: „Schick dein Brot über das Wasser, so wirst du es nach langer Zeit finden“ – viele werden sich an Momente erinnern, als Beni Bloch sel. A. diesen Vers aus Kohelet auf Deutsch oder Iwrit zitierte. Über die Jahre hinweg, in denen ich mit Beni Seite an Seite zusammenarbeiten durfte, wurde mir deutlich, dass dieser Vers Benis Lebenswerk womöglich am besten zusammenfasste: die zahlreichen, von ihm erfolgreich initiierten Projekte und Events waren das Wasser, das das Brot trug.

 Mal war das Wasser stürmisch, wellig, mal ruhig, tief oder seicht. Doch viel ausschlaggebender ist die Tatsache, dass sich die jüdische Gemeinschaft in Deutschland bis heute und mit G’ttes Hilfe auch in der Zukunft von diesem Brot nährt. Beni Bloch sel. A. hat ein Fundament geschaffen, das die jüdische Gemeinschaft in Deutschland nachhaltig trägt.
Ich denke hier insbesondere an das ausgeprägte ehrenamtliche Netzwerk und die vielen sozialen Fachkräfte in den Gemeinden, die maßgeblich durch die ZWST ausgebildet wurden. Es sind genau die Menschen, die die jüdischen Gemeinden heute tragen. Ich denke an die vielen Madrichim, die die von Beni verankerten Leitlinien unserer Hadracha von Generation zu Generation weitergeben. Das von Beni versandte Brot findet bis heute und darüber hinaus sein Ziel.

In Erinnerung wird uns insbesondere die Art und Weise bleiben, wie Beni diese Ziele erreichte. Die ZWST war für Beni weit mehr als ein Job, er widmete sein Leben der ZWST. Es wird unvergessen bleiben, wie Beni seine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen stets eindringlich aufforderte, nicht zu viel zu „planen“, sondern „Tacheles zu machen“. 

Denkwürdig bleiben die Momente, als Beni sein grünes und rotes Telefonbuch zückte, um Menschen auf der ganzen Welt zusammenzubringen.
Ich hatte das Privileg, fast fünf Jahre von Beni zu lernen. Er hat mir alle Aufgabenfelder der ZWST gezeigt, mich stets den Menschen vorgestellt und mir damit Türen geöffnet. Je länger wir miteinander arbeiteten, desto mehr hatte ich das Gefühl, dass wir zwar sehr verschiedene Charaktere sind, aber häufig ähnlich denken. Ich bin Beni unglaublich dankbar, dass ich von seinem großen Erfahrungsschatz lernen durfte.

Wir, die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der ZWST, werden die Arbeit in seinem Sinne fortsetzen. Dazu gehört die enge Zusammenarbeit mit israelischen Partnern und Wegbegleitern, um die Verbundenheit der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland mit dem Staat Israel auch zukünftig zu festigen. Hierfür setzen wir auf die vielen heute Anwesenden. Bleibt der ZWST treu, wir brauchen euch mehr denn je!

Eines der letzten gemeinsamen Erlebnisse mit Beni wird mir stets in besonderer Erinnerung bleiben. Wir überraschten Beni zu seinem 76. Geburtstag am 14. Februar 2019 während seines Reha‐Aufenthaltes am Tegernsee – und bereiteten ihm damit große Freude. Wir unterhielten uns wie immer über Eintracht Frankfurt, deutsche Politik, die anstehenden Europawahlen, und zu guter Letzt sagte Beni ein letztes Mal zu mir: „Schick dein Brot über das Wasser, so wirst du es nach langer Zeit finden.“

Die vollständige Rede wurde in der Jüdischen Allgemeinen vom 29.05. 2019 (Online-Version) veröffentlicht.