zwst informiert
Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V.

Ausgabe 2  •  Juni 2020

Digitaler Round Table Geschäftsführung

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Vor dem Hintergrund der langfristigen Herausforderungen durch die Corona-Pandemie hat die ZWST gemeinsam mit dem Zentralrat der Juden einen digitalen Round-Table mit den hauptamtlichen Geschäftsführenden aller Landesverbände und großen Gemeinden initiiert. Diese kontinuierlichen „Treffen“, moderiert von Aron Schuster, Direktor der ZWST und Daniel Botmann, Geschäftsführer des Zentralrates, bieten eine Plattform für Projekte und Konzept während der Pandemie, aber auch für den Austausch von Vorgehensweisen im Zuge der Lockerungen. Bisher fanden drei Zoom-Meetings im April, Mai und Juni statt, mit folgenden Themen: Hygiene- und Gesundheitskonzepte für jüdische
G´ttesdienste, Umsetzung der Konzepte in Synagogen und Gemeindezentren, Versorgung älterer Menschen, Angebote für die junge Generation, Organisation von Gemeindeverwaltungen im Zuge der sukzessiven Lockerungen.

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„Neue Impulse in der Krise“

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Inna Goudz

(geb. 1982 in Moskau), Studium der Geschichte und Kunstgeschichte in Dü., war mehrere Jahre in der Forschung tätig Seit 2017: Referentin für Kultur und Projekte im LV Nordrhein, hat u.a. die Jüd. Kulturtage Rhein-Ruhr organisiert.

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Steven Guttmann

(geb. 1986), ist ein „Kind“ der Münchener Gemeinde und war als Rechtsanwalt tätig. 2013: Gründung u. Vorsitzender der Mitzwe Makers e.V. 2019: Präsident der B’nai B’rith Loge Hebraica Menorah München

Die ZWST hat sich mit Inna Goudz, Geschäftsführerin des LV Nordrhein und Steven Guttmann, Geschäftsführer der IKG München, den beiden größten Mitgliedsorganisationen der ZWST, unterhalten. Beide haben ihr neues Amt inmitten der Corona-Krise übernommen. Moderiert wurde der Live-Talk von Benny Fischer und Laura Cazés.

Wie gestaltet sich euer Krisenmanagement ?


Inna: „Ich war beeindruckt, wie schnell man in unseren 8 Mitgliedsgemeinden erkannt hat, was zu tun ist und es dann auch selbstständig umgesetzt hat. Wir als Landesverband sind unterstützend aktiv. Das bedeutet: Wo können wir einspringen, wenn in den Gemeinden etwas fehlt? Wir haben die aktuellen Anforderungen zusammengestellt und an die Gemeinden in Form von Empfehlungen oder Anleitungen übergeben. Wichtig ist uns eine enge Zusammenarbeit.“

Steven: „Aus der Perspektive einer der größten jüdischen Gemeinde haben wir den Luxus, professionell aufgestellt zu sein. Bei meinem Antritt als Geschäftsführer gab es schon einen Krisenstab, der unglaubliche Arbeit geleistet hat. Jetzt mussten neue Konzepte erarbeitet werden. Ich habe mir z.B. alle Arbeitsplätze angeschaut, um Mitarbeitende auch wieder zurückholen zu können. Auch ging es darum, wie man die Synagoge wieder nutzen kann, basierend auf dem Konzept des Zentralrates. Jeder Tag fordert neue Ideen.“

Gibt es Best Practice-Beispiele?


Inna: „Am meisten hat mich beeindruckt, dass viele dort angepackt haben, wo sie am dringendsten gebraucht wurden. In unserer kleineren Mitgliedsgemeinde in Mönchengladbach wurden z.B. von kundigen Leuten Masken und Desinfektionsmittel hergestellt. Diese Erfahrungen konnte man anderen Gemeinden zur Verfügung stellen. Die Verteilung funktionierte über Pessach-Pakete. Auch das pro-aktive Handeln vieler Mitarbeitender, um Risikogruppen zu helfen, die z.B. kein Internet haben, hat mich beeindruckt.“

Steven: „Ich bin stolz auf viele Mitarbeitende und ehrenamtlich aktive Mitglieder. Alle wissen, wir müssen zusammen anpacken, z.B. mit einer 24-h-Hotline, wo man um 3 Uhr Nachts erreichbar war. Später haben wir gesehen, dass das in dem Umfang nicht erforderlich war. Das funktionierte nach dem Prinzip: Ausprobieren, Testen, Nachjustieren. Zum Online-Schabbat kamen Leute zusammen, die sonst nicht mehr in die Synagoge gehen würden. Wir haben wieder mehr Gemeinschaftsgefühl. In dieser schwierigen Situation werden neue Impulse gesetzt, davon können wir nur profitieren.“

Wie sehen eure Visionen für die Zukunft aus?

 
Inna: „Unvorhergesehene Krisen wird es öfter geben. Wir können uns jetzt in der alltäglichen Arbeit fokussieren: was ist wirklich wichtig? Zum Beispiel zeigen uns jetzt kleinere Gemeinden, dass sie viel mehr Service leisten können, als es vorher sichtbar war. Wir müssen uns mehr in Richtung Jewish Community Centers entwickeln, viel serviceorientierter werden, bessere Arbeitgeber. Mehr Professionalisierung ist gefragt. Jetzt erleben wir in aller Deutlichkeit, was es bedeutet, Verantwortung für die Mitglieder zu übernehmen. Das ist jetzt die große Chance für uns.“

Steven: „In kurzer Zeit habe ich mit allen Abteilungen intensive Gespräche geführt. Ich schließe mich Inna an, wir müssen professioneller werden. Die Digitalisierung ist ein Riesenthema. Plötzlich gibt es für viele isolierte und nicht mehr mobile Senioren das Erfordernis und auch die Möglichkeit der digitalen Teilhabe – ein wichtiger Impuls für die Zukunft.“

Wie kann sich aus eurer Perspektive das Gemeindeleben in den nächsten Monaten gestalten?

Beide: „Hier halten wir uns an politische Vorgaben. Die physische, aber auch mentale Gesundheit unserer Mitglieder und unserer Mitarbeitenden hat oberste Priorität. Daher wird es in unmittelbarer Zukunft eine Mischung sein aus digitalen Events, aber auch wieder vorsichtigen Gottesdiensten in den Synagogen.“


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