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Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V.

Ausgabe 2  •  Juni 2020

Netzpolitik heute: Online Vernetzung und Corona

3-teiliger Online-Talk der Digitalisierungsinitiative „Mabat“

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Der Online-Raum bietet in Zeiten der Corona-Krise und „Social Distancing“ wichtige Möglichkeiten der Unterstützung und Teilhabe. Die andere Seite der Medaille: Hassrede und Verschwörungsideologien verbreiten sich hier schnell und sind kaum kontrollierbar.

Benny Fischer (Leiter „Mabat“) und Laura Cazés (ZWST-Referentin für Verbandsentwicklung) haben sich mit 3 Experten unterhalten: Mit dem Politikwissenschaftler Jakob Baier (Universität Gießen) und Miro Dittrich (Experte für rechtspopulistische Netzwerke bei der Amadeu Antonio Stiftung) ging es um die Entstehung und Verbreitung von Verschwörungsmythen. Johannes Baldauf, Policy Manager bei Facebook Deutschland, thematisierte den Umgang von Social Media Plattformen, Gesellschaft und Politik mit Online-Hate, Rechtsextremismus und Antisemitismus. Er hat an Lösungsansätzen für das Problem mitgewirkt und sich in zahlreichen Nichtregierungsorganisationen eingebracht.


Jakob Baier zeigte auf, was eine Verschwörungsideologie kennzeichnet und warum Menschen daran glauben: Es vermengen sich wahre mit unwahren Aussagen, sie wird zu einer Brille mit selektiven Wahrnehmungen, durch die man auf die Welt blickt. Sie basiert auf 3 Argumentationsstrukturen: nichts ist, wie es scheint, alles hängt zusammen, alles verläuft nach Plan – den jemand wissentlich vorantreibt. Verschwörungsideologien haben Konjunktur in Zeiten von Krisen, sie bedienen Sehnsüchte, liefern Sicherheit und sind ein Mittel zur Komplexitätsreduktion. Die Welt wird in Gut und Böse unterteilt, es gibt eine klare Ordnung. Ein Beispiel ist der christliche Antijudaismus, in diesem Welterklärungsmodell dienen die Juden als Projektionsfläche für alles Negative.

Miro Dittrich verdeutlichte, wie die Corona-Krise in vielfacher Hinsicht instrumentalisiert wird: Zum Beispiel kursiert die Aussage im Netz, dass es Ausgangssperren gibt, damit die Regierung Flüchtlinge nach Deutschland schleusen kann. Ein häufiges Motiv sind die Verschwörungsmythen vom „Großen Austausch“. Dazu gehört unter anderem eine jüdische Weltverschwörung, die nicht-weiße Leute nach Europa bringt, um die Gesellschaft zu schwächen, aufgegriffen von der Neuen Rechten, der sogenannten Identitären Bewegung und auch der AfD. Es gibt wirre Katastrophenszenarien, die alle nur einem Zweck dienen: Der Glaube an das System soll erschüttert werden. Der Untergang droht, der Virus ist eine Waffe, wir müssen uns verbünden und gegen diese Bedrohung gewaltsam vorgehen. Diese Mythen kursieren immer stärker im „Dark Social“, eine von außen kaum einsehbare Form von Internet-Traffic in persönlichen Mails, geschlossenen Chat-Gruppen in sozialen Netzwerken oder Messenger-Diensten wie Whatsapp oder Telegram.

Man war sich einig darin, dass die Politik den Online-Hass mit Auswirkungen auf realen Extremismus ernster nehmen muss. Es gibt immer noch zu wenig spezifisch ausgebildete Fachkräfte in den Sicherheitsbehörden für eine Strafverfolgung im Netz. Es muss deutlicher werden, dass das Netz kein rechtsfreier Raum ist. Die Vernetzung nimmt zu, menschenfeindliche Äußerungen werden öffentlicher gemacht, man ist mutiger, organisierter und fühlt sich sicher, wenn volksverhetzende Inhalte online gestellt werden. - Ein Fazit: Gerade jetzt, wo unser soziales Umfeld ins Netz verlagert wird, müssen wir alle genauer hinschauen.

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„Zoombombing“ – Understanding, discussing and preventing the issue

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ADL
(Anti Defamation League):

Amerikanische Organisation in New York, die gegen Diskriminierung und Diffamierung von Juden eintritt

Durch die erhöhte Präsenz im Internet und in sozialen Medien sind unter anderem auch jüdische Online-Veranstaltungen von „Zoombombing“ betroffen. Im Laufe der Corona-Krise haben sich weltweit Fälle gehäuft, in denen Zoom-Sitzungen jüdischer Veranstalter explizit mit rassistischen, antisemitischen und obszönen Inhalten so gestört wurden, dass die Sitzung nicht fortgesetzt werden konnte. Die Anti-Defamation League (ADL) hat sich frühzeitig mit dieser Form der Hasskriminalität auseinandergesetzt und einen Ratgeber herausgegeben (bei der ZWST in deutscher Sprache erhältlich). Denn was noch zu wenige wissen: Schon in wenigen Schritten kann ein Zoom-Meeting besser gegen ungebetene Gäste abgesichert werden.

Im Live-Talk am 15. Mai, moderiert von Laura Cazés und Benny Fischer, berichtete zunächst der Yoga- und Meditationslehrer Martin Schubert vom Zoombombing auf seine jüdische Meditationsgruppe. Aryeh Tuchman (Associate Director, ADL‘s Center on Extremism) skizzierte die Entwicklungen des Zoombombing-Phänomens in den USA. Dalia Grinfeld (ADL Assistant Director on European Affairs) beschrieb diese neue Form der Online-Hass-Kriminalität im europäischen Vergleich. Abschließend wurden die detaillierten Schritte auf den Punkt gebracht, mit denen man sich präventiv, aber auch während eines Vorfalls online schützen kann.

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