zwst informiert
Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V.

Ausgabe 2  •  Juni 2020

Achtzehnplus Community informiert

18 plus

Weitere Events und Infos hier:

www.zwst.org
www.facebook.com/18PlusZWST

Vor dem Hintergrund der Einschränkungen durch die Corona-Krise hat das Projekt der ZWST für junge Erwachsene (18+), geleitet von Viola Shevchuk, ein umfangreiches Online-Angebot organisiert, im Folgenden einige Auszüge. Die Vielfalt an Referenten, Moderatoren und aktiven Gesprächsteilnehmenden verdeutlicht, wie wichtig das bestehende Netzwerk innerhalb der jüdischen Community ist, seien es regionale Studentenverbände, Netzwerkplattformen, Organisationen wie das Junge Forum der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und engagierte „Young Activists“ in Deutschland und Israel.

Ein Fazit von Viola Shevchuk: „Trotz Krise, dem geforderten Social Distancing und vieler gestrichener Events, konnten Initiativen unterstützt und das bundesweite Netzwerk der Achtzehnplus Community erweitert werden – als vielversprechende Basis für kommende Zeiten nach der Krise.“

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Achtzehnplus Community am Jom HaShoa


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Liesel Binzer:

Ich prägte mein Leben in – wegen – trotz KZ Theresienstadt, Berlin, 2017

In diesem Jahr musste der internationale March of the Living und damit auch die Studienreise der ZWST nach Polen mit einer Delegation junger Erwachsener abgesagt werden. Es gab die Möglichkeit, die virtuelle Zeremonie am 21. April mit zu verfolgen und online Worte der Andacht am Ort des Schreckens in Ausschwitz zu hinterlassen.

Digitales Zeitzeugengespräch: Zu den alternativen Formen des Gedenkens und Erinnerns gehörte ein Zoom-Talk mit Liesel Binzer, moderiert von Viola Shevchuk und Gerald Hetzel (Vorsitzender des Jungen Forums der DIG Passau). Zu den Gesprächsteilnehmenden gehörten Teile ihrer Familie in Haifa und weitere Interessierte, Studenten, Freunde und Bekannte.

Liesel Binzer, geb. 1936 in Münster, wurde mit ihrer Familie in der Reichskristallnacht 1939 in das sogenannte ´Judenhaus` in Münster und 1942 nach Theresienstadt deportiert. Am 8. Mai 1945 kam die Befreiung: „Von 15.000 Kindern haben 150 überlebt, eins davon war ich. Auch mein Vater, der als jüdischer Soldat im 1. Weltkrieg beide Beine verlor und meine Mutter haben überlebt – das war ein Wunder.“ 1960 heiratet Liesel Binzer in der Synagoge in Münster und bekommt 3 Kinder, Daniela, Gabi und Michael: „Ich war Einzelkind, habe heute eine große Familie und bin stolz darauf. So hat sich noch alles zum Guten gewendet und Hitler hat nicht gesiegt.“

Teilnehmende: „Wie war die Situation nach dem Krieg? “
Liesel: „In Münster waren noch ca. 40 Juden, in unserem Ort Warendorf lebte nur eine jüdische Familie Spiegel, aus der der spätere Zentralratspräsident Paul Spiegel sel.A. stammte. Viele Nachbarn waren Nazis, doch meine Mutter schützte uns. Ins Ausland zu gehen, kam für uns nicht in Frage. Erst die letzte Generation, meine Tochter Gabi, lebt mit ihrer Familie in Israel. Die Vergangenheit war immer präsent, auch wenn darüber nicht gesprochen wurde. Als Jüdin in einer christlichen Umgebung war ich anders, das war in meinem ganzen Leben so. Aber gerade deshalb war es mir wichtig, jüdisch zu heiraten, jüdische Kinder zu haben.“

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Live am Jom Haatzma`ut

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Rund um Jom Haatzma`ut, dem israelischen Unabhängigkeitstag, dieses Jahr am 29. April, hat das Projekt 18+ verschiedene spannende Live-Streams zur Historie, Entwicklung und Gegenwart des Staates Israel organisiert.

Gemeinsam mit Ilja Cinciper, zuständig für die ZWSTJugend International, wurde am 28. April eine Live-Session mit Henry Jakubowicz aus Israel zum Thema: „Die 7 Tage vor der Staatsgründung, vom 07. bis zum 14.05.1948“ organisiert. Sie richtete sich an Kinder, Jugendliche, Young Professionals und die ganze Familie.

Direkt am israelischen Unabhängigkeitstag ging es weiter mit Henry Jakubowicz und einem Webinar zum Thema „Israel und seine Nachbarn. Der Nahostkonflikt – der größte Konflikt der Welt?“  moderiert von Ilja Cinicper. Im Gespräch mit den Teilnehmenden, anschaulich bebildert, lieferte er einen Überblick über die Länder, mit denen Israel eine gemeinsame Grenze hat. Er skizzierte die Historie, koloniale Vergangenheiten, neue Grenzziehungen, gegenwärtige Kriege und Konflikte. Sein Fazit: „Libanon, Syrien, Jordanien und Ägypten sind zwar nicht die besten Freunde Israels, aber es gibt einen relativ stabilen Frieden. Ich will nichts beschönigen, wir stehen im Konflikt mit dem Iran, mit der Hisbollah, mit der Hamas im Gazastreifen, die uns nicht anerkennt – aber nicht mit der gesamten arabischen Welt. Wir haben einen Konflikt, der nach Lösung sucht, aber es ist nicht der schlimmste Konflikt auf Erden. Israel muss Entscheidungen treffen – es gibt viel zu tun.“

Unter dem Motto „72 Jahre Israel – Hintergründe und Entwicklungen“ gaben Dr. Ralf Balke, Historiker und Journalist der Jüdischen Allgemeinen und Schmuel Kahn, Tourguide in Israel, einen Einblick in die zionistische Bewegung, in die Vorgeschichte und Entstehung des Staates Israel, thematisierten den UN-Teilungsplan, skizzierten die demographische Entwicklung und diskutierten aktuelle Aspekte. Dazu gehörte die Frage nach der Sicherheit Israels für die Juden weltweit und das Thema Israel in den israelischen und ausländischen Medien.


Moderiert wurde das Gespräch am 29. April von Shelly Meyer, Gründungsmitglied von „Koach in Hamburg“, einer lokalen Netzwerkplattform.

Henry Jakubowicz

lebt in Tel Aviv und leitet ein Tourismusunternehmen, geb. und aufgewachsen in Dortmund, Leitung des Jugendzentrums Jachad in Köln, 1995 ausgewandert nach Israel, Armeedienst in der IDF-Pressesprechereinheit, Tourismusstudium in Haifa

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„Halbes Jahr nach Halle - Was hat sich verändert?“

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Michael Groys (28)

studierte Politik- und Verwaltungswissenschaften an der Universität Potsdam. Heute arbeitet er als politischer Berater in der Musikindustrie in Berlin und schreibt Artikel und Blogs zur Außen,- Sicherheits- und Migrationspolitik.

Als „Streitgespräche unter Freunden“ hat das Projekt 18+ mit Viola Shevchuk eine spannende Gesprächsreihe zu aktuellen Themen mit Marcel Kroitblat (o.re.) und Michael Groys (o.li.) initiiert.

Diese Reihe startete am 7. April mit einer Diskussion zum Thema „Halbes Jahr nach Halle – Was hat sich verändert?“. Es ging um die Frage, ob der Staat zuständig ist für die Sicherheit der jüdischen Gemeinschaft oder ob die jüdischen Gemeinden sich selbst schützen sollen. Hier war der Tenor, dass die Sicherheit vom Staat als Selbstverständlichkeit garantiert werden muss, er diesem Auftrag aber nicht nachkommt. Michael: „In Halle schützte eine Holztür rund 90 Menschen vor einem Terroristen. Das geht nicht in meinen Kopf.“ Beide fordern „Tacheles“, mehr Solidarität und konkretes Handeln. So Marcel: „Solidarität ist immer wichtig und richtig. Gegenüber allen Minderheiten, auch wir als jüdische Gemeinschaft sind hier gefragt. Es gab viel Symbolik, Trauerveranstaltungen, Politiker haben viel geredet, aber ich habe keine gesamtgesellschaftliche Veränderung wahrgenommen. Es gibt ein massives Problem mit dem Ernstnehmen von Antisemitismus und Rechtsextremismus.“ Beide fordern auch von der jüdischen Gemeinschaft und darüber hinaus von allen Demokraten ein selbstbewusstes Auftreten. Marcel: „Es liegt an uns allen. An unserem Einsatz für ein starkes, jüdisches Leben. Erhebt eure Stimme.“


Im Live-Talk „Wie politisch sollen Juden in Deutschland sein“ am 7. Mai wurde die Diskussion fortgesetzt. Einleitend ging es um die Frage, wie politisches Engagement aussehen kann, in einer Partei oder außerhalb, und ob man sich als Jude in der Politik „outen“ sollte. Beide sind sich einig darin, dass ein Engagement gut ist für ein starkes Judentum in Deutschland, aber man sich nicht auf die Rolle als „Berufsjude“ oder „Hofjude“ reduzieren lassen wolle. 

Marcel Kroitblat (31)

lebt in Frankfurt a. M., arbeitet als Projektmanager in einer Bank und beendet gerade seinen berufsgeleitenden Master in Financial Law. Wenn es die Zeit zulässt, fährt er als Madrich auf Taglit-Reisen nach Israel.


Michael betont: „Wichtig ist die persönliche Vielfalt. Das ´Jude-sein` gehört zu meiner Identität. Ich bin aber auch Sozialdemokrat. Und auf einer Party bin ich Raver.“ Marcel ergänzt: „Unsere jüdische Perspektive sollte selbstverständlich und normal sein, aber nicht im Vordergrund stehen.“


Beide wünschen sich ein vielfältigeres Bild vom Judentum in der Politik und Öffentlichkeit. Jüdisches Leben sei zu sehr fokussiert auf Religion, so Michael: „Kultur, Tikkun Olam… wir haben mehr zu bieten!“ Weiter ging es um politische Positionierungen, Marcel betont: „Mein Judentum sollte nicht ausschlaggebend dafür sein, wie ich mich zu einer Partei positioniere. Ich sehe mich als Staatsbürger und Juden, ich bin jüdischer Deutscher – und in erster Linie Demokrat.“

Zum Umgang mit jüdischen AfD-Wählern und Sympathisanten werben beide für einen sinnvollen Diskurs, solange er sich auf dem Boden der Verfassung bewegt. Michael versucht zu verstehen: „Man holt die Menschen aus Ländern der ehemaligen SU nach Deutschland und dann? Abschlüsse werden nicht anerkannt, Nichtberücksichtigung bei der Grundrente... Auch darf man die Prägung durch das Sowjetsystem nicht vergessen, hier gibt es eine Politikverdrossenheit. Die AfD spielt auf einer geschickten Klaviatur mit den Ängsten der Leute.“

Mit einem Streitgespräch zum Thema „Solidarität mit Israel - eine uneingeschränkte Pflicht?“ endete Anfang Juni diese Gesprächsreihe

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ZWSTJugend digital:
Tägliche Angebote, Online-Hawdaloth und jüdische Feiertage

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Die ZWSTJugend hat in den vergangenen zwei Monaten ein bemerkenswertes Online-Programm auf die Beine gestellt, unterstützt von hoch motivierten, ehrenamtlichen Madrichim aus ganz Deutschland. Das Kinder-, Jugend- und Familienreferat stand im kontinuierlichen Kontakt mit den Leitungen der jüdischen Jugendzentren deutschlandweit, um sich über die Bedarfe und Stimmungslagen jüdischer Kinder und Jugendlicher auszutauschen.

Tägliche Events: Der Montag startete mit einem Online-Shiur. In Form von Kurzvideos referierten Madrichim zu Themen wie „Schenk dein Lächeln“ oder „Warum Hilfe hilft“.

An den Dienstagen wurden verschiedene „Specials" organisiert. Dazu gehörten eine virtuelle Museumstour durch das Beit Hatfutsot Museum in Tel-Aviv (Diaspora Museum), verschiedene Live-Talks mit Referenten sowie themenbezogene Webinare, wie z.B. zur Staatsgründung Israels anlässlich Jom Haatzma´ut am 29. April (gemeinsam mit der Achtzehnplus Community).

Mittwochs wurde eine Online-Peulah (interaktive Online-Session) organisiert, wo sich zunehmend mehr Jugendliche beteiligten und engagiert dazu beigetragen haben, das vielfältige Online-Programm der ZWST-Jugend kreativ zu gestalten.

Jeden Donnerstag wurde ein „Super-Back-Chug“ (Workshop) angeboten, welcher das Publikum begeisterte. Dieser Workshop orientierte sich an den jüdischen Feiertagen, wie zum Beispiel ein Parve-Kuchen zu Pessach. An den Freitagen wurde online ein Beitrag in Kooperation mit Talmud Israeli veröffentlicht, der den jeweiligen Wochenabschnitt erklärte und zusammenfasste.

Online-Hawdaloth: Seit dem 28. März organisiert die ZWSTJugend jeden Samstag eine Hawdalah für Kinder, Jugendliche, Familien und alle Interessierte. Jede Zeremonie hat etwas Einzigartiges, z.B. durch die Beteiligung des A-Capella-Chors Mafteach Soul aus Israel. Durch die Zusammenarbeit mit Norwegen oder den Baltikum-Staaten konnten einige Hawdaloth international durchgeführt werden. Anlässlich des Tages der Befreiung am 8. Mai hat die ZWSTJugend im Rahmen der Hawdalah am 9. Mai ein internationales Projekt durchgeführt. Diese gemeinsam mit der internationalen Jugendorganisation BBYO organisierte Zeremonie gab Weltkriegs-Veteranen die Gelegenheit, ihre Geschichte zu erzählen – eine unvergessliche Erfahrung für alle virtuellen Teilnehmenden auf drei Kontinenten.

Jüdische Feier- und Gedenktage: Im Rahmen einer virtuellen Live-Kochshow zu Pessach lernten die Zuschauenden, wie man spezielle Gerichte zu Pessach zubereitet, wie ein koscherer Haushalt zu Pessach organisiert sein sollte und welche Bräuche wichtig sind für ein Fest mit der Familie. Für die jüngeren Zuschauer wurde in Zusammenarbeit mit der jüdischen Jugend aus Baden ein virtueller "Schoko-Seder" organisiert.

Anlässlich des Gedenktages Jom Hasikaron am 28. April hat die ZWSTJugend gemeinsam mit Rabbiner Avichai Apel eine Online-Zeremonie gestaltet, die an die gefallenen Soldaten und Opfer von Terrorakten in Israel erinnerte (Foto oben). Der darauffolgende israelische Unabhängigkeitstag, Jom Ha’atzmaut, wurde virtuell in Kooperation mit dem Sozialreferat zelebriert und hat den Zuschauenden Gesang, Tanz und Musik aus verschiedenen jüdischen Gemeinden in ihre Wohnzimmer gebracht.

Ilja Cinciper, ZWSTJugend


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Round Table Kita-Leitung

Um mit den jüdischen KiTas und Kindergärten im laufenden Austausch zu bleiben und eventuelle Bedarfe zu klären, hat das Jugendreferat einen digitalen Round Table für die Leitungen organisiert. Bisher fanden 3 Zoom-Meetings statt, moderiert von Anastasia Quensel, die auch die Seminare für die pädagogischen Fachkräfte der KiTas leitet.

Thema war zunächst der Umgang mit der durch die Pandemie ausgelösten Krise und Möglichkeiten der Notbetreuung. Da es immer noch zu wenig Material mit jüdischen Inhalten in deutscher Sprache gibt, stand auch die Einrichtung einer gemeinsamen Online-Plattform im Fokus, um Material einzustellen und auszutauschen. Das Jugendreferat wird diesen Round Table weiterhin kontinuierlich anbieten, um die Vernetzung zu stärken und auszubauen.

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Kontakt:  
Anastasia Quensel

quensel@zwst.org,  T.: 069 / 944371-42

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