zwst informiert
Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V.

Ausgabe 2  •  Juni 2020

Der Inklusionsfachbereich „Gesher“ öffnet seine virtuellen Pforten

gesher

! Save the Date !  

Freizeit für Menschen mit Behinderung und Angehörige

Wo:  
Kurheim Beni Bloch in Bad Kissingen

Wann:  
1.Turnus: 19. - 26. August

2. Turnus:
27. Aug. - 02. Sept.

grafik

Seit Mitte März musste auch der Inklusionsfachbereich „Gesher“ seine Präsenzangebote nahezu einstellen. Menschen mit einer Behinderung gehören zu den sogenannten Risikogruppen, mussten daher ihre sozialen Kontakte stark einschränken und waren besonders von einer isolierten Lebenssituation betroffen. Daher hat das Gesher-Team alternative Angebote organisiert: Die Schreibwerkstatt per Skype, künstlerische Online-Kurse des Berliner Kunstateliers Omanut zusammen mit dem Frankfurter Atelier Eastend und eine wöchentliche Gesher-Akademie für die junge Generation.

Schreibwerkstatt per Skype: Keren Kesselmann leitet die kreative Schreibwerkstatt für russisch- und deutschsprachige Menschen mit einer Behinderung. Hier werden kurze Geschichten, Gedichte, Gedanken und Erinnerungen niedergeschrieben, Texte analysiert und diskutiert sowie Deutschkenntnisse verbessert. An der kreativen Schreibwerkstatt per Skype nehmen 14 Personen im Alter von 26 bis 53 Jahren regelmäßig teil.

Online-Kunstkurse: Neue Wege gehen auch die künstlerischen Projekte des Gesher-Inklusionsfachbereiches. Costa Bernstein (Atelier Eastend) und Judith Tarazi (Kunstatelier Omanut) bieten einmal wöchentlich einen Online Kunstkurs an. Hier treffen sich Menschen aus ganz Deutschland und erschaffen gemeinsam eine Collage aus gemalten Bildern. Viele Teilnehmende kennen sich von den Gesher-Freizeiten, es gibt jedes Mal ein großes „Hallo“, es wird geplaudert und gesungen.

Gesher-Akademie für Kinder und Jugendliche mit und ohne Förderbedarf: Die Gesher-Akademie bietet seit Mitte März zweimal täglich wechselnde Sessions für Kinder mit und ohne Förderbedarf an. Die Inklusionsmadrichim Alexandra, Lisa, Dana, Erik, Katje, Ruth, Gloria, Sophie und Rufat organisieren online kurze Sessions, in denen man sich zum Beispiel auf jüdische Feiertage oder den Shabbat vorbereitet. Die Kinder backen Challot, basteln Kerzen und Shabbatkarten. Außerdem werden jüdische Lieder eingeübt, Hebräisch gelernt und Cookies sowie Cupcakes gebacken. Im Rahmen von regelmäßigen Sporteinheiten wird dreimal wöchentlich trainiert.

Feedback: „Es ist toll, wie ihr Kinder aller Altersgruppen und Fähigkeiten einbezieht - selbst wir Eltern können noch was lernen. In Corona-Zeiten ist die Gesher-Akademie für uns ein Tageshighlight.“
(Sarah-Elisa, Mutter zweier Jungs im Alter von 7 und 3 Jahren)

„Meine Tochter freut sich, dass man ihr Aufmerksamkeit schenkt. Die Madrichim erklären ihr jedes Thema so, dass sie an allen Einheiten nahezu selbständig teilnehmen kann. Mushka fühlt sich nicht allein gelassen, da es jeden Tag eine Ansprechperson außerhalb der Familie gibt und sie Kontakt anderen Kindern aufbauen kann.“
(Nelly, Mutter von Mushka, 13 Jahre)

„Auch wir als Eltern waren vor die Aufgabe gestellt, unter anderem für genug Bewegung zu sorgen. Vor allem für Kinder mit Beeinträchtigung keine einfache Aufgabe. Eine großartige Idee, die Kinder mit Zoomcall zum Sport zu animieren. Wer hätte das gedacht, dass es klappen wird? Aber Erik hat es geschafft.“
(Jael, Mutter von Nina, 15 Jahre, die am liebsten an den Sportkursen mit Madrich Erik teilnimmt)

Unterstützung für Menschen, die nicht „online“ sind: Die ZWST bietet zielgerichtete telefonische Beratung für besonders betroffene Zielgruppen an. Dazu gehört auch eine Hotline für Menschen mit Behinderung und ihre Angehörigen. Ihnen wird vermittelt, dass sie sich täglich an eine Ansprechperson wenden können, die sie unterstützt oder einfach nur Trost spenden kann.

Viele Familien, die vom Inklusionsfachbereich Gesher betreut werden, verfügen weder über die erforderliche digitale Infrastruktur noch über entsprechende Kenntnisse, um an den vielfältigen Online-Angeboten teilhaben zu können. Daher war und ist es umso wichtiger, dass die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden des Gesher-Teams in den regionalen Zweigstellen in Nürnberg, Dresden, Recklinghausen, Magdeburg und anderen Regionen proaktiv den Kontakt zu diesen Familien aufgenommen haben. Sie haben sich auf telefonischem Weg nach dem Befinden der Familien und eventuellem Unterstützungsbedarf erkundigt.

So konnte man ihnen das Gefühl von Sicherheit und Halt vermitteln, aber auch praktische Unterstützung durch ehrenamtliche Helfer organisieren (z.B. Lebensmitteleinkäufe). Auch mit Familien, die schon länger nicht an Gesher-Aktivitäten teilgenommen hatten und keiner Selbsthilfegruppe angehören, wurde Kontakt aufgenommen. In vielen Telefongesprächen wurde immer wieder deutlich, dass sich psychische Erkrankungen verstärkten (z.B. Depressionen, Angstneurosen). Auch die Angst vor dem plötzlichen Tod der Eltern oder eines Elternteils, die zumeist der Seniorengeneration angehören, war ein zentrales Thema. Um diesen drängenden Sorgen entgegenzuwirken, hat das Gesher-Team Telefonkonferenzen mit der russischsprachigen Psychologin Florina Gendler organisiert, die vielen Teilnehmenden vertraut ist. Sie hat einen Input zum Umgang mit Krisen gegeben und individuelle Fragen beantwortet.

Eine willkommene Überraschung für über 120 Familien bundesweit war der Erhalt von Pessachpaketen, was aufgrund einer Spende ermöglicht wurde. In Kooperation mit dem Frankfurter Unternehmen Mitzve Now wurden in einer Frankfurter Werkstatt für Menschen mit Behinderung die Pessachpakete gepackt und versendet.
Zurzeit werden für diejenigen, die nicht aktiv an online-Veranstaltungen teilnehmen können, kleine Videos mit ihnen bekannten Personen erstellt. So backt Inna Gorelik, Leiterin der Selbsthilfegruppe Nürnberg, mit ihrer Tochter Challot und gibt in einfacher Sprache Anleitung zum Brotbacken.


Dinah Kohan, Leiterin Gesher, Eva Okuna, Kinder- und Jugendprojekt Gesher

zwst%20logo_trenn_weiss_250

Shawuot-Wochenende im Max-Willner-Heim - erste Präsenzveranstaltung nach 3 Monaten Pause

Entspannung und Kreativität - auch mit Maske und Abstand
zwst_2.20 07zwst_2.20 09

Mit einem Familien-Shawuotwochenende vom 28. Mai bis zum 01. Juni 2020 in Bad Sobernheim konnte das Kinder- und Jugendprojekt des Inklusionsfachbereichs Gesher nach der corona-bedingten Schließung des Max-Willner-Heims die Bildungsstätte wieder mit Leben füllen. Umso mehr war es der ZWST ein wichtiges Anliegen, zumindest etwas Normalität in den Alltag aller Teilnehmenden bringen zu können.

Mit acht Familien und sechs Madrichim aus ganz Deutschland wurde bei wunderschönem Wetter draußen gebetet und die Kinder lernten über Shawuot und Shabbat. Ferner stellten die Kinder mit ihren Familien eine Zirkusshow und ein Theaterstück auf die Beine, gestalteten ihre T-Shirts mit Batikfarben und bemalten Graffiti-Leinwände. Für die Eltern wurden Referenten im Rahmen von Online-Sessions über Zoom dazugeschaltet. Louis Lewitan, Diplom-Psychloge, referierte unter anderem zum Umgang mit Geschwisterkindern. Melanie Hubermann, Systemische Beraterin und Familientherapeutin, vermittelte den Teilnehmenden die hohe Bedeutung der Selbstfürsorge. Rabbiner Dr. Elijahu Tarantul verdeutlichte aus seiner Perspektive, wie das Judentum mit dem Thema Behinderung umgeht.

Die religiöse Begleitung des von Eva Okuna und Simon Beckmann geleiteten Wochenendes übernahm Mark Krasnov, ehemaliger Madrich und Rosh bei der ZWST. Als Studienrat an der Wiesbadener Dilthey-Schule (u.a. jüdische Religion und Hebräisch) konnte er den Teilnehmenden außerdem einige Tipps und Hilfen zum „Homeschooling“ vermitteln.

Eva Okuna, Kinder- und Jugendprojekt Gesher


zwst%20logo_trenn_weiss_250