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Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V.

Ausgabe 2  •  Juni 2020

Unterstützung und Hilfe für die ältere Generation in Zeiten von Corona

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Gleichgewichtschulung, Koordination und Kräftigung in Zeiten von „Social Distancing“.
Ein Programm der ZWST mit Olga Kovalenko, Ärztin, Physiotherapeutin und Fitnesstrainerin

! Save the Date ! 

Bildungsaufenthalte für Senioren im Kurheim Beni Bloch
finden wieder statt !

Termine hier

Vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie war und ist es der ZWST ein besonderes Anliegen, die ältere Generation zu unterstützen und die Auswirkungen der Einschränkungen abzumildern.

Dies wurde in vielfältigen Formaten umgesetzt: Dazu gehörten direkte Angebote sowie Unterstützung für jüdische Gemeinden, Senioreneinrichtungen und Treffpunkte für Shoah-Überlebende.

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Erfolgreiche Spendenkampagne: #Tablets4Safta

Aufgrund der Corona-Pandemie waren Besuche in allen jüdischen Altenzentren, Senioren- und Elternheimen in Deutschland verboten und sind weiterhin auch nur eingeschränkt möglich. Damit waren tausende ältere Menschen plötzlich vom Kontakt zu ihren Angehörigen abgeschnitten. Vor allem Senioren sind oft von Einsamkeit und Isolation betroffen, was durch diese Krise noch verschärft wurde. Daher war es der ZWST ein Anliegen, den Bewohnern der Senioreneinrichtungen neue Formen der Kommunikation zu ermöglichen, um ihren Familien und Freunden trotz räumlicher Trennung ein Stück weit näher zu sein.

Vor diesem Hintergrund haben der Mitzwe Makers e.V. und die ZWST die groß angelegte Spendenkampagne #Tablets4Safta gestartet. Benötigt wurden in erster Linie Tablets, die neben Videotelefonie und Online-Austausch auch zukünftig für Anwendungen im Einrichtungsalltag genutzt werden können, z.B. um das Gedächtnistraining von Bewohnern mit einer dementiellen Erkrankung zu verbessern.

ZWST-Direktor Aron Schuster betont den Erfolg der Kampagne: „Mit dieser Spendenaktion konnten wir jüdische Altenzentren und Elternheime dabei unterstützen, ihren Bewohnern und Bewohnerinnen den Kontakt mit Freunden und Angehörigen digital zu ermöglichen. Gerade die Einrichtungen der vollstationären Altenhilfe sind in der Corona-Krise nach wie vor am stärksten gefordert. Die Mitarbeitenden vor Ort leisten unfassbares. Die Aktion hat dank vieler kleiner Spenden und zweier Großspenden der Israel Bonds und der Deutschen Telekom den Alltag in Altenzentren und Elternheimen ein Stück weit erleichtern können.“

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Die hohe Bedeutung der digitalen Teilhabe für Senioren beschreibt Dagmar Hirche, seit 2007 Vorstandsvorsitzende und Mitgründerin des Vereins „Wege aus der Einsamkeit e.V.“ (Wade Hamburg) im nachfolgenden Interview.

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„Wir versilbern das Netz“ - Livestream mit Dagmar Hirche

Im Talk mit Benny Fischer und Marcelia Rosenfeld vom Digitalisierungsprojekt „Mabat“ (Berliner Büro der ZWST) skizziert Dagmar Hirche ihr Engagement: „Im Entstehungsjahr 2007 war Digitalisierung noch nicht so das Thema, wir wollten das Thema ´Alter` positiver besetzen. Mit Fortschritt der Digitalisierung und der technischen Möglichkeiten mussten wir feststellen, dass es keine Angebote gibt, die älteren Menschen den Umgang mit der Hardware näher bringen. So entstanden unsere kostenfreien Gesprächsrunden ´Wir versilbern das Netz. Das 1x1 der Tablets/Smartphones für Menschen 65+`.“

ZWST: „Dieses Projekt ist eine Erfolgsgeschichte. Wie sieht konkret eure Arbeit aus?“

Dagmar Hirche: „Es ging zunächst darum, den Menschen die englischsprachigen Basics zu erklären, was ist z.B. eine ´App`? Wichtig war auch, das Angebot niedrigschwellig zu formulieren, wir haben zu einer Gesprächsrunde eingeladen, nicht zu einem Workshop oder Seminar. Nach 3 Stunden fragten die Teilnehmenden, wann sie wiederkommen können, die Neugier war geweckt. Am Anfang waren wir 8-12 Leute, heute kommen 60-80 Leute in das digitale Lernzentrum von Facebook in Berlin. Auch für mich war es ein ´Learning-by-doing` – mir haben die Teilnehmenden vermittelt, wie man schult. Hier ist auch wertschätzende Zuwendung wichtig, wenn etwas nicht sofort funktioniert. In einer Runde mit Gleichgesinnten wird so das Selbstbewusstsein gestärkt. In 3,5 Jahren haben wir 6500 Senioren geschult, davon über 90% Frauen, die 72-87jährigen sind die größte Gruppe, der älteste Teilnehmer ist 94 Jahre.“

Dagmar Hirche: „Es ging zunächst darum, den Menschen die englischsprachigen Basics zu erklären, was ist z.B. eine ´App`? Wichtig war auch, das Angebot niedrigschwellig zu formulieren, wir haben zu einer Gesprächsrunde eingeladen, nicht zu einem Workshop oder Seminar. Nach 3 Stunden fragten die Teilnehmenden, wann sie wiederkommen können, die Neugier war geweckt. Am Anfang waren wir 8-12 Leute, heute kommen 60-80 Leute in das digitale Lernzentrum von Facebook in Berlin. Auch für mich war es ein ´Learning-by-doing` – mir haben die Teilnehmenden vermittelt, wie man schult. Hier ist auch wertschätzende Zuwendung wichtig, wenn etwas nicht sofort funktioniert. In einer Runde mit Gleichgesinnten wird so das Selbstbewusstsein gestärkt. In 3,5 Jahren haben wir 6500 Senioren geschult, davon über 90% Frauen, die 72-87jährigen sind die größte Gruppe, der älteste Teilnehmer ist 94 Jahre.“

ZWST: „Wie funktioniert es vor dem Hintergrund der aktuellen Kontaktsperren`?“

Dagmar Hirche: „Zuerst gab es eine Art ´Schockstarre`. Dann haben wir uns in einer ´Zoom- Versilberer-Runde` am 25. März mit über 30 Senioren ´getroffen`, das war zunächst ein lustiges Chaos. Wichtig war hier der telefonische Support. Seitdem ´treffen` wir uns täglich von 10 bis 11.30 Uhr zur Schulung, aber auch für Kontakt und Austausch. Wir lesen und singen, sonntags gibt es ein Unterhaltungsprogramm.“

ZWST: „Was könnten junge Menschen tun, wie kann man der Scheu und eventuellen Hemmungen älterer Menschen entgegenwirken?“

Dagmar Hirche: „Wichtig ist ein niedrigschwelliger Ansatz. Man kann Sprechstunden in Schulen, Unis und Cafés anbieten o.ä. Wichtig ist auch die Erreichbarkeit von Menschen, die digital nicht ausgerüstet sind, über Print-Medien, Hörfunk, TV. Wir brauchen mehr Mitstreiter, die das mit uns machen. Das Interesse ist riesig und es gibt zu wenig vergleichbare Angebote.“

Seit 2015 setzt sich der Verein dafür ein, dass digitale Bildung nicht vor Älteren halt macht und Menschen jenseits der 65 einen Zugang zur digitalen Welt erhalten – ganz praktisch, indem diese im Umgang mit Smartphone und Tablet geschult werden. Seit Jahren fordert Dagmar Hirche kostenfreies WLAN in Altenheimen, Seniorenwohnanlagen und Seniorentreffs sowie eine gute Vernetzung nicht nur in der Stadt, sondern auch in ländlichen Regionen. Für ihr gesellschaftliches Engagement wurde sie mehrfach ausgezeichnet.

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info@wegeausdereinsamkeit.de

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Unterstützung für Überlebende der Shoah

Angesichts des erhöhten Risikos älterer Menschen, schwere COVID-19 Krankheitsverläufe zu erleiden, zählen die hochbetagten Shoah-Überlebenden zu den besonders gefährdeten Risikogruppen. Psychologische Belastungen erschweren ihre Situation zusätzlich. Daher hat die ZWST das „Gemeindeakutprogramm“ aufgelegt, gefördert von der Alfred Landecker Stiftung und der Jewish Claims Conference. Diese Fördermaßnahme dient der Unterstützung von Mitgliedsgemeinden der ZWST bei der mobilen Versorgung von Shoah-Überlebenden während der Corona-Pandemie, mit dem Ziel der Sicherstellung einer mobilen Versorgung mit Lebensmitteln, medizinischem Bedarf und weiteren Haushalts- und Hygieneartikeln. Zudem sollen regelmäßige Kontaktaufnahmen einer zunehmenden Vereinsamung entgegenwirken. Seitdem wurden über 30 Anträge von kleinen wie großen Gemeinden, von Amberg, Bad Kreuznach, Landkreis Schaumburg bis hin zu Düsseldorf, Duisburg und Hamburg bewilligt. Die Mitarbeitenden der Treffpunkte für Überlebende, Studenten, Teilnehmende am Bundesfreiwilligendienst und andere Freiwillige leisten psychologische Unterstützung, telefonisch und digital, kümmern sich um Einkäufe und begleiten bei dringenden Arztbesuchen.

In einem Live-Talk mit Dr. Noemi Staszewski (Leiterin des Frankfurter Treffpunktes), Ester Petri (design. Leiterin) und dem Psychoanalytiker Dr. Isidor Kaminer wurde verdeutlicht, wie Menschen mit einer Überlebensbiografie diese Krise erleben und wie die Treffpunkte damit umgehen können. Wie alle Anlaufstellen für Überlebende musste der Frankfurter Treffpunkt seine Angebote umgestalten, dazu gehörten regelmäßige Telefonrunden und „Versorgung an der Haustür“. Aufgrund der Lockerungen konnte der Treffpunkt, neben der mobilen Betreuung, seine Arbeit in Kleingruppen wieder aufnehmen, wie z.B. Hebräisch-Kurse und Qi-Gong im Freien.

Laura Cazés, ZWST

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Live Stream mit Ricarda Theiss (Sozialreferat der ZWST) und
Laura Cazés (Referentin der ZWST für Verbandsentwicklung)

vom 19. Mai

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Digitaler Round Table Altenhilfe

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Mit Beginn der Corona-Krise wurde auch der Modus des regulären „Round Table Altenpflege“ der Krisensituation angepasst. Seit dem 26. März organisiert die ZWST wöchentliche Videokonferenzen mit den Leitungen der jüdischen Altenzentren und Elternheime in Hannover, Nürnberg, München, Düsseldorf, Köln, Stuttgart, Frankfurt und Gelsenkirchen zu folgenden Themen:

• Versorgung mit Schutzausrüstung (vor dem Hintergrund von Sammelbestellungen und des Sachspendenaufrufs der ZWST)
• Verteilung von Smartphones und Tablets im Rahmen der Spendenaktion „Tablets4safta“

• Regelmäßige Briefings aus dem Fachausschuss Altenhilfe der BAGFW, die ZWST wird hier vertreten durch Bert Römgens, den Leiter des Elternheims Nelly-Sachs-Haus in Düsselorf (s. Interview unten)
• Austausch zur praktischen Handhabung der Vorgaben des Robert-Koch-Institutes, Austausch zu Quarantänekonzepten, Umgang mit Tests
• Personaleinsatzplanung
• Handling der Lockerung der Besuchskonzepte

• Austausch von Hygiene- und Besuchskonzepten

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Im Gespräch mit Bert Römgens über die Situation in der jüdischen stationären Altenhilfe

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Bert Römgens in Kürze:

Seit 2002:
Einrichtungsleiter des Nelly-Sachs-Hauses

Vertretung jüdischer Organisationen in verschiedenen Gremien auf kommunaler und auf Landesebene im Bereich „Alter und Pflege“

Für die ZWST ist er seit 2011 als Berater im Fachausschuss „Altenhilfe“ der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege tätig.

Im Livestream vom 14. April mit Benny Fischer (Berliner Büro der ZWST) und Laura Cazés (Referentin für Verbandsentwicklung der ZWST) skizziert Bert Römgens, Leiter des Nelly-Sachs-Hauses der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf den Arbeitsalltag vor dem Hintergrund der Corona-Krise.

Bert Römgens: „Ich bin positiv überrascht, wie gelassen und ruhig unser Mitarbeiterteam und die Bewohner mit der ganzen Situation umgehen. Da wir keine Besucher, weder Angehörige noch Ehrenamtliche, empfangen dürfen (durften), haben wir das durch kleine Gesten aufgefangen, z.B. Lachs und Sekt zum Frühstück. Auch haben wir die Betreuung aufgestockt. Zudem gibt es eine enge Anbindung an die Gemeinde, mit Videos von den Rabbinern, musikalischen Videosequenzen, Worten vom Vorstand u.a. Doch unsere wichtigste Ressource ist das Mitarbeiterteam, hier spreche ich allen ein großes Lob aus!“

ZWST: „Wie kann man aus dieser jüdischen Gemeinschaft das Beste machen, vor dem Hintergrund der spezifischen Biografie der Bewohner? “

Bert Römgens: „Das Nelly-Sachs-Haus ist als Elternheim ein familiärer Ort, das bekommt jetzt nochmal eine spezifische Bedeutung. Das ´Wir-Gefühl` hat sich verstärkt, nach einer 4-wöchigen Quarantäne hat das Team die Angehörigen-Rolle übernommen. In anderen Einrichtungen wäre das eine Grenzüberschreitung. Aber die Bewohner hier sind Überlebende der Shoa, haben Verfolgung, Kindertransporte, Blockade und KZ überlebt. Daher ist Zuwendung und eine besondere Sensibilität für die Verfassung der Bewohner besonders wichtig. Wir müssen einen durch Jüdischkeit geprägten, angstfreien Raum mit viel Respekt und Empathie ermöglichen.“

ZWST: „Inwiefern konnte das Nelly-Sachs-Haus von unserem Sachspendenaufruf profitieren?“

Bert Römgens: „Diese Spende hat uns auf jeden Fall geholfen! Hier gibt es einen großen Mangel, in dieser Hinsicht wurde das Gesundheitssystem völlig überschätzt. Auch der Spendenaufruf der ZWST für die Förderung der digitalen Infrastruktur ist enorm wichtig, da die Situation mit eingeschränkten Kontakten noch andauern wird. Aus meiner Perspektive haben viele ältere Menschen den Weg in die digitale Welt gemacht, mit Kontaktpflege, Gedächtnistrainings, Lesen über Tablets u.a.“

ZWST: „Wie ist deine Perspektive in die Zukunft – auch mit Blick auf ein Altern in Würde?“

Bert Römgens: „Alter und Pflege ist für die jüdische Gemeinschaft ein großes Thema. Wir können unser Haus erweitern, da wir noch ein Grundstück haben. Doch welche Möglichkeiten haben andere Einrichtungen ohne diesen Vorteil? Das könnten z.B. ambulant betreute Wohngemeinschaften sein, mitbetreut von den Gemeinden. Oder der Anschluss an andere Träger, wie z.B. in Gelsenkirchen oder Dortmund. Versorgungsformen geprägt von Jüdischkeit – dazu muss man kein Grundstück haben, keine 15000 €, da reicht schon eine Wohngemeinschaft. Hier sehe ich aber auch die Politik und die Freie Wohlfahrtspflege in der Verantwortung.“

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