Einmalig in Europa

Omanut: Die ZWST-Einrichtung erhält eine Förderung für eine neue Behindertenberatung

Das neue Gesetz war keines von denen, das Schlagzeilen produziert. Am 30. Mai 2017 standen andere Themen auf den Titelseiten der deutschen Printmedien, nicht das neue Bundesteilhabegesetz. Dessen „Förderrichtlinie zur Durchführung der ‚Ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatung’“ (EUTB) war an jenem Tag im Bundesanzeiger veröffentlicht worden. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales will damit „niedrigschwellige Beratungsangebote zur Stärkung der Selbstbestimmung für Menschen mit Behinderungen und von Behinderung bedrohter Menschen“ auf den Weg bringen. Mehr als ein Jahr später informierte nun die ‚Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland’ (ZWST) in den Räumen des Ateliers Omanut in Berlin darüber, dass sie als erster jüdischer Träger bundesweit den Zuschlag für eine solche Förderung bekommen habe. 

Neben Hauptamtlichen gibt es auch Peer-to-Peer-Berater: Das Atelier Omanut war nicht zufällig als Ort für den kleinen Empfang am 13. September gewählt worden. Obgleich die Trägerschaft der neuen Beratungsstelle bei der Berliner Sektion der ZWST liegen wird, so wird das Atelier Omanut der Ort des Geschehens sein. Dort also, wo auch bisher schon überwiegend jüdische behinderte Menschen eine kreative Betätigung finden. Mit der neuen Beratungsstelle wendet man sich jedoch keineswegs exklusiv an einen jüdischen Personenkreis. Vielmehr steht diese für jeden behinderten Menschen zur Verfügung, der Beratungsbedarf hat. Judith Tarazi – Leiterin von Omanut – stellt hierzu fest: „Da unser Personenkreis bisher hauptsächlich aus Leuten mit Migrationshintergrund besteht, werden natürlich auch Menschen mit Migrationshintergrund und deren spezifische Probleme ein Schwerpunkt für uns sein.“ Dabei werden einige der Omanut-Mitarbeiter mit Behinderung zum Einsatz kommen, die als Peer-to-Peer-Berater geschult werden - eine Beratung auf Augenhöhe zwischen Menschen mit Behinderung. Die Peer-Berater mit Behinderung beraten allein, wenn sie sich das zutrauen. Aber es wird auch Tandem-Beratungen geben, bei denen ein hauptamtlicher Berater gemeinsam mit einem Peer-Berater die Beratung durchführt. Dabei ist an verschiedene Beratungsformen gedacht. Wer es nicht schafft, ins Atelier zu kommen, kann sich telefonisch Auskunft einholen, wahlweise auch per Mail oder Chat. Darüber hinaus können die Mitarbeiter den Hilfesuchenden auch zu Hause aufsuchen, entweder einmalig oder über mehrere Monate hinweg.

Das Motiv seines Verbandes sich um eine solche EUTB zu bewerben, erklärt Günter Jek, Leiter des Berliner ZWST-Büros, mit einer „religiösen Ethik als Leitbild“. Auf dieser Grundlage erbringe die ZWST schon seit geraumer Zeit Leistungen der allgemeinen Daseinsvorsorge und zwar für alle Zielgruppen, die sich durch das Angebot angesprochen fühlen. So gestalte man etwa Flüchtlingsprojekte oder leiste zusammen mit einer israelischen Partnerorganisation Aktivitäten für traumatisierte Frauen und von sexueller Gewalt betroffene Menschen.

Synergieeffekte: Judith Tarazi versteht das EUTB-Beratungsprojekt aus Sicht von Omanut keineswegs nur als selbstlos. Vielmehr verspricht sie sich durch die räumliche Nähe auch Synergieeffekte: ß „Leute aus dem Atelier profitieren von der Beratungsstelle und umgekehrt können Beratungssuchende, die hierher kommen auch vom Atelier profitieren.“ Zudem sehe sich Omanut in der Lage etwas einzubringen, was nicht zu unterschätzen sei: eine gute Vernetzung mit Sozialarbeitern, Psychologen, anderen Beratungsstellen und der Fachstelle für Migration und Behinderung der Arbeiterwohlfahrt. Somit bildete die Bewerbung der ZWST als Träger mit dem Atelier Omanut als Ort mit qualifizierten Beratern von Anfang an ein ideales Tandem.

Umso unverständlicher, dass die Bewerbung als EUTB-Berater während des Verfahrens auf Bundesebene nicht durchgängig auf Gegenliebe stieß. Günter Jek erinnert sich: „Die präferierten Kandidaten konnten ihre Projekte über eine vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales beauftragten Agentur abwickeln. Das war nicht einfach, denn die Konkurrenzsituation war durchaus groß. Zum Glück hatten wir das Team der Berliner Sozialsenatorin auf unserer Seite.“ Warum das so war, erläuterte Staatssekretär Alexander Fischer am Rande der Eröffnungsveranstaltung: „In dieser Stadt leben ja Menschen aus ganz verschiedenen Kulturkreisen und mit ganz unterschiedlichen Religionen. Nun wendet sich dieses Projekt zwar an alle, aber eben auch speziell an behinderte Menschen mit einem jüdischen Einwanderungshintergrund. Dieser Ansatz hat mich überzeugt und deshalb haben wir uns dafür eingesetzt. Dass es nun geklappt hat, ist für mich ein Anlass der Freude!“

Zu Beginn seines Grußwortes vor Vertretern anderer Beraterorganisationen, dem Berliner Staatssekretär Fischer und Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau, sagte ZWST-Präsident Abraham Lehrer, dass er erst einmal nachlesen musste, um was es sich bei einer EUTB überhaupt handelt. Ein Geständnis, das bei den anwesenden Gästen für Heiterkeit sorgte. Bei dieser Lektüre, so Abraham Lehrer, habe er die Bedeutung solcher Projekte für die Gesellschaft erkannt.

Es sei ein Erfolg, dass sich mit der zugesagten Förderung jetzt auch eine jüdische Einrichtung um jene Menschen kümmern könne, die einer besonderen Hilfe bedürfen. Seine Recherchen hätten zudem ergeben, dass in den Räumen von Omanut nun wahrscheinlich einmalig in Europa eine Beratung von Behinderten für Behinderte stattfinden wird. Dabei aber solle und dürfe man nicht stehen bleiben. Vielmehr sei es wünschenswert, in absehbarer Zeit zwischen München und Hamburg weitere solcher Beratungsstellen in ZWST-Trägerschaft einzurichten. Zunächst aber startet man in Berlin. Am 14. Oktober gab es im Rahmen einer „Woche der seelischen Gesundheit“ einen Tag der Offenen Tür im Atelier Omanut.

Gerhard Haase-Hindenberg, Publizist und Buchautor
(Artikel erschienen in der Jüdischen Allgemeinen vom 27.09. 2018)

Galerie Omanut

Joachimstaler Str. 1310719 Berlin
T.: 030 / 887 133931 723
eutb@zwst.org   
Öffnungszeiten: Mo-Fr 11-15 Uhr und nach Vereinbarung
www.kunstatelier-omanut.de 

Objekte und Malerei von Costa Bernstein in der Jüdischen Galerie Omanut

Seit der Neueröffnung der „Jüdischen Galerie Omanut“ im Oktober 2016 wurden bisher 5 erfolgeiche Ausstellungen gezeigt. Als integrative und transkulturelle Einrichtung bildet sie zugleich ein Forum für Begegnung und Austausch für die Künstler des Kunstateliers Omanut. Sie gibt den Mitgliedern die Möglichkeit, sich öffentlich mehr zu präsentieren und dient damit einem weiteren Ziel: der Inklusion von Menschen mit Behinderung. Die Galerie ist nicht nur Ausstellungsort des Ateliers, sondern bietet als kulturelle Dependance des Berliner Büros der ZWST auch Künstlern mit Behinderung aus anderen Organisationen und jüdischen Künstlern in Berlin eine Ausstellungsplattform.

Am 6. September 2018 wurde die Ausstellung des Frankfurter Künstlers Costa Bernstein eröffnet.  Aufgewachsen in Leningrad, wo er am Saint-Petersburg College of Architecture and Civil Engineering studierte, zog er mit 19 Jahren nach Haifa/Israel, um dort an der privaten I. Barilov-Kunstschule zu studieren. Nach einer Ausbildung zum Grafikdesigner arbeitete er als freischaffender Künstler und Privatdozent für Kunst, z.B. am Max Stern Academic College of Emek Yezreel als Dozent für Grafik und Komposition. Seit 2002 lebt er in Deutschland und ist seit 2011 künstlerischer Leiter in der Kunstwerkstatt „Eastend“. Im Rahmen des Inklusionsprojektes Gesher leitet er künstlerische Workshops.

HvB, ZWST

Jüdische Galerie Omanut, Kaiserin-Augusta-Str. 63, 12103 Berlin, 

Aktionstag der Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderer (MBE)

Aktionstag in der Jüdischen Kultusgemeinde Wuppertal, v.li.: Leonid Goldberg, Vorstandsvorsitzender, Sabine Strackharn, Leiterin der Sozialabteilung, Jürgen Hardt, Bundestagsabgeordneter, Julia Goldberg-Katz, Migrationsberaterin, Günter Jek, Leiter der ZWST Berlin und MBE-Koordinator

Das Beratungsangebot „Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderer“ (MBE) ist ein fester Bestandteil des Integrationsangebotes des Bundes. Im Jahr 2005 entstanden innerhalb der MBE Anlauf- und Beratungsstellen für Menschen mit Migrationshintergrund in ganz Deutschland. Die kostenlose Migrationsberatung wird von den Mitgliedsverbänden der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (BAGFW) und dem Bund der Vertriebenen durchgeführt. Aktuell existieren bundesweit 1.280 Beratungseinrichtungen, von denen 15 von der ZWST getragen werden. Damit ist die ZWST der kleinste Träger der Migrationsberatung. Eine davon ist bei der Jüdischen Kultusgemeinde Wuppertal angesiedelt, geleitet von der Sozialarbeiterin und Migrationsberaterin Julia Goldberg-Katz. Dort fand, im Rahmen des bundesweiten Aktionstages der MBE am 20.September, ein Treffen mit Jürgen Hardt statt, Bundestagsabgeordneter und Außenpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion. 

Zum Hintergrund dieses Aktionstages: Im Jahr 2017 wurden in der Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderer 201.417 Beratungsfälle gezählt. Das sind insgesamt 16,1 Prozent mehr Beratungsfälle als im Vorjahr 2016. Eine vergleichbare Steigerung wird für 2018 erwartet. Die Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderer braucht eine deutliche Aufstockung der Bundesmittel, damit bei zunehmenden Beratungsgesprächen weiterhin qualitativ gute Arbeit geleistet werden und auf komplexer werdende Beratungsbedarfe reagiert werden kann. Daher riefen die Träger der Migrationsberatungsstellen im Vorfeld der Haushaltsberatungen des Bundestages zu einem bundesweiten Aktionstag auf, um auf die Bedeutung der Migrationsberatung im Integrationsprozess aufmerksam zu machen.

Günter Jek, Leiter des Berliner Büros der ZWST und MBE-Koordinator, Leonid Goldberg, Vorstandsvorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde Wuppertal, Sabine Strackharn, Leiterin der Sozialabteilung und Migrationsberaterin Julia Goldberg-Katz erläuterten dem Bundestagsabgeordneten Hauptanliegen und Ziele der ZWST bezüglich der Beratung und Begleitung von Menschen mit Migrationshintergrund.

Grundsätzlich steht die Migrationsberatung in Trägerschaft der ZWST allen Ratsuchenden offen, unabhängig von ihrer Herkunft, Überzeugung und Religionszugehörigkeit. Aufgrund der verfügbaren Sprachkenntnisse der Beraterinnen und Berater der ZWST suchen Zuwanderer aus dem osteuropäischen Raum und aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion verstärkt die Beratungsstellen der der ZWST auf. In den letzten Jahren wurde ein Anstieg syrischer Migranten verzeichnet, die der russischen Sprache mächtig sind und daher die Angebote der ZWST wahrgenommen haben. Die Beratung legt einen besonderen Fokus auf den Erwerb der deutschen Sprache. Dazu kommen Beratungsangebote zur Anerkennung von beruflichen Qualifikationen und zur Arbeitsaufnahme, Wohnungssuche, Gesundheit und zur familiären Situation. Für Günter Jek ist die Integration der Migranten in die Arbeitswelt unabdingbar: „Der Arbeitsplatz ist ein wesentlicher Faktor bei der Sprachintegration von Migranten. Es bringt nichts, die Menschen nach der Sprachschule nach Hause zu schicken.“ Auch in der Politik „legen wir großen Wert auf das schnelle Erlenen der deutschen Sprache“, so Jürgen Hardt. Der CDU-Politiker bewertet die Migration vieler Juden aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland als eine Erfolgsgeschichte, die durchaus als Vorbild für die heutige Situation dienen kann. Für Julia Goldberg-Katz ist klar: „Die jüdischen Kontingentflüchtlinge, die vor über 25 Jahren mit einer großen Zuwanderungswelle nach Deutschland kamen, sind heute fester Bestandteil der deutschen Zivilgesellschaft.“

Die ZWST dankt MdB Jürgen Hardt für sein Interesse an ihren Angeboten und den freundlichen und informativen Austausch. Möge das Anliegen der Migrationsberatung in den kommenden Haushaltsverhandlungen Berücksichtigung finden!

Ruben Gerczikow, Student der Publizistik und Kommunikationswissenschaften, absolvierte zum Zeitpunkt des Aktionstages ein Praktikum bei der ZWST, Günter Jek, ZWST