Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V.

Ausgabe 4 · Dezember 2017

 

Die Studie der Universität Münster wurde im Rahmen des von der ZWST in Auftrag gegebenen Forschungsprojektes „Profile jüdischer sozialer Arbeit“ in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Karin Böllert und Jonas Pfeiffer (Institut für Erziehungswiss.) erstellt.

Fachsymposium zur Geschichte und aktuellen Herausforderungen der ZWST

Zeitzeugen melden sich zu Wort

Das Jubiläumsjahr der ZWST endete mit einem zweitägigen Fachsymposium zum Thema ‚100 Jahre ZWST – Kontinuitäten und Brüche‘ vom 26. bis 27. November in Berlin. Mit vielen Expertinnen und Experten und einem hochengagierten und interessierten Publikum schlug das Symposium einen weiten Bogen von der Vergangenheit bis in die Zukunft.

Es ging um die Gründung der ZWST im Jahre 1917 und ihre gelungene Integration in die allgemeine deutsche Sozialstruktur in der Weimarer Republik. Es ging um die Ausgrenzung und Vernichtung in der NS Zeit, um den mutigen Wiederaufbau ab 1951, aber auch um die Situation in den jüdischen Gemeinden der DDR. Es ging um die Konsolidierung in den 1970er und 80er Jahren im Westen – und natürlich um die immense Herausforderung der Integration von Zuwanderern aus der ehemaligen SU in den Jahren nach der Wiedervereinigung. Aufgaben, welche bis heute auf der Agenda stehen.

Neben den zahlreichen Vorträgen zum Thema stieß auch die im September 2017 in Frankfurt/M. erstmals gezeigte Wanderausstellung zu prägenden Persönlichkeiten der ZWST auf großes Interesse der rund 80 Teilnehmer.

Kurz bevor die Tagung begann, betraten zwei ältere Herrschaften den Raum, die mir irgendwie bekannt vorkamen. Sie waren ungewöhnlich altmodisch gekleidet und verhielten sich etwas distanziert. Schnell lief ich zurück zu den Ausstellungstafeln, um mich zu vergewissern – und tatsächlich, es gab keinen Zweifel: die Neuankömmlinge waren Bertha Pappenheim und Leo Baeck. Obwohl sie sich unauffällig unter das Publikum gemischt hatten, war ihre zunächst etwas skeptische Mimik nicht zu übersehen. Mit Interesse registrierten sie, wer alles in der Ausstellung gewürdigt worden war – und wen wir offensichtlich vergessen oder übersehen hatten. „Die gute alte Paula Kronheimer, die hätte hier ja nun wirklich auch hingehört!“, sagte Bertha Pappenheim – und Leo Baeck fügte hinzu: „Das ist ja wirklich unglaublich, dass Bella Schlesinger hier gar nicht genannt wird, sie war für uns so wichtig wie kaum eine.“ Wie gerne hätte ich ihnen gesagt: „Wir haben keine Fotos von ihnen – nur zu gerne hätten wir sie hier gewürdigt!“

Während des Tagungsprogrammes war Bertha Pappenheim offensichtlich sehr angetan, dass ihr Aufruf „Weh dem, dessen Gewissen schläft!“ mindestens fünfmal zitiert und als wichtigster Impuls zur Gründung der ZWST interpretiert wurde. Auch Leo Baeck fühlte sich geehrt und geschmeichelt, weil so viele seiner wohlklingenden Zitate verlesen und die Weisheiten seiner Ausführungen bewundert wurden. Die anfängliche Skepsis in ihren Gesichtszügen wich zunehmend einer Anerkennung - vor allem bezüglich all jener Beiträge, durch welche ihnen Informationen über Entwicklungen zugetragen wurden, an denen sie zu ihren Lebzeiten nicht mehr beteiligt gewesen sind. Teilweise reagierten sie mit großer Bestürzung angesichts des Unheils in der NS Zeit, teilweise waren sie aber auch voller Bewunderung angesichts der Hilfen für die Notleidenden bis zum Schluss. Mit nicht geringem Stolz konnten sie am Ende zur Kenntnis nehmen, was aus ihrer Schöpfung geworden war. Vor allem angesichts der Studie der Universität Münster über die ehrenamtlichen und professionellen sozialen Hilfen in den jüdischen Gemeinden heute reagierten sie mit großem Respekt und spürbarer Anerkennung.

Plötzlich waren sie weg – wie vom Erdboden verschluckt. Ich hätte wahrhaftig gedacht, geträumt zu haben, wenn nicht auf dem Platz, auf dem Leo Baeck zuletzt gesessen hatte, ein Zettel gelegen hätte. Auf dem stand: „In der jüdischen Sozialarbeit kommt alles auf die Menschen an. Nicht, ob sie freiwillige oder besoldete Helfer sind, ob sie ehrenamtlich oder hauptamtlich wirken, ist das Entscheidende, sondern ob sie Menschen sind, in denen die jüdische Idee lebendig bleibt, in denen eine Flamme glüht. Mit besten Grüßen und guten Wünschen für die Zukunft der ZWST - Ihre Bertha Pappenheim und Leo Baeck.“

So real ist unsere Vergangenheit. So nahe sind uns die Protagonisten der Anfangsjahre - auf der Grundlage ihrer vielfältigen Erfahrungen können wir unsere Zukunft gestalten.

Prof. Dr. Sabine Hering, Arbeitskreis Jüdische Wohlfahrt

Fotos: Simon Beckmann, ZWST, Harald Lordick, Steinheim-Institut

 

 

Das Symposium wurde organisiert in Kooperation mit dem Arbeitskreis Jüdische Wohlfahrt und dem Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte (Universität Duisburg-Essen). Neben Prof. Dr. Sabine Hering gehörten Harald Lordick, Prof. Dr. Gudrun Maierhof und Prof. Dr. Gerd Stecklina zum Organisationsteam der Tagung.

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