ZWST informiert

Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V.

Ausgabe 4 · Dezember 2016

Fotos: Dave Großmann

Fachsymposium in Berlin: Vom Sprechen und Schweigen über Antisemitismus

Das vom Kompetenzzentrum der ZWST organisierte Fachsymposium „Vom Sprechen und Schweigen über Antisemitismus“ fand am 15.11./16.11. in Berlin statt. Die Veranstaltung konnte mit rund 100 Teilnehmern aus ganz Deutschland eine hohe Resonanz verzeichnen. Das primäre Ziel der zweitägigen Veranstaltung war die Bestandsaufnahme aktueller jüdischer Perspektiven und die Bildung von Koalitionen, die eine individuelle bzw. kollektive Stärkung der Handlungsfähigkeit im Umgang mit Antisemitismus und Diskriminierung begünstigen können. Das Symposium zielte auch darauf ab, eine kritische Reflexion der Kontexte vorzunehmen, in denen es möglich wird, über Antisemitismus zu schweigen oder für vergangen zu halten.

Stärkung der Handlungsfähigkeit

Zu den Inhalten zählten die mangelnden politischen und öffentlichen Debatten über Antisemitismus sowie die Relevanz von Empowerment als individuelles wie kollektives Handlungsinstrument für den Umgang mit antisemitischer/rassistischer Diskriminierung und Gewalt.

Die unterschiedlichen Symposien boten einen Diskussionsraum für Künstler, Wissenschaftler und Bildungspraktiker. Workshops, die am zweiten Tag als “Erfahrungräume” organisiert wurden und unterschiedliche Empowerment-Ansätze zur Sprache brachten, boten je nach Interessenslage die Möglichkeit der Vertiefung. Bei vielen Teilnehmern konnte Interesse geweckt werden, individuell oder gemeinsam mit dem Kompetenzzentrum der ZWST an einer Weiterentwicklung von Empowermentstrategien mitzuwirken.

Ein wichtiges Ergebnis war die Bildung von Koalitionen, die sich “nach innen” richten. Damit sind jene Bündnisse gemeint, die innerhalb der jüdischen Gemeinschaft, die in ihrer Vielfalt vertreten war, entstanden sind. Der in diesem Rahmen ermöglichte Austausch, die daraus resultierende Stärkung im Umgang mit gesellschaftlichen Dominanzverhältnissen, sind genau die Prozesse, die das Kompetenzzentrum der ZWST mit diesem Event anregen wollte.

Die Tatsache, dass auf dem Fachsymposium auch Perspektiven von anderen marginalisierten Gruppen geteilt wurden, führte dazu, dass der Diskurs bald eine weitere Intensivierung erfuhr. Der “safe space” für Juden wurde gleichzeitig zu einem Raum, der die gemeinsamen Erfahrungen verschiedener Gruppen in den Vordergrund rückte - unter Anerkennung bestehender Unterschiede. Diese Entwicklung stellte ein besonderes Moment des Fachsymposiums dar, und bildete gleichzeitig eine Ressource, die auch bei der weiteren Strategieentwicklung des Kompetenzzentrums Berücksichtigung finden wird. Das Feedback der Teilnehmer war überwältigend, das Kompetenzzentrum konnte viele Anregungen für die künftige Formatgestaltung sammeln.

Mit diesem Fachsymposium standen wir buchstäblich vor der Aufgabe, die gesellschaftliche Bedeutung und Wirkung von Antisemitismus mit der Geschichte der Einzelnen zusammenzudenken und multiperspektivisch zu betrachten. Langfristig zielen wir darauf ab, die Relevanz des Antisemitismus aus der Sicht der jüdischen Zivilgesellschaft zu verdeutlichen, kritische Diskurse anzustoßen, Selbstermächtigungsideen diskutieren und Ressourcen zu bündeln. Ein Begegnungsraum wie dieser, der vielen verschiedenen – vielleicht auch gegensätzlichen – Perspektiven Raum gab, ist auch zukünftig eine außergewöhnliche Gelegenheit für einen gleichberechtigten Dialog.

Marina Chernivsky, Leitung Kompetenzzentrum

 

Aus einem Blog von Juna Grossman: „...Anders als der Titel vermuten lässt, ging es nicht allein um Antisemitismus. Interessierte aus vielen Bereichen reisten an, um sich in einem geschützten Umfeld auszutauschen. Es war ein Experiment. Es gelang. Unsere Ansätze waren verschieden, unsere Erfahrungen mit Diskriminierungen ganz unterschiedlich, wir konnten voneinander lernen, aber vor allem eines feststellen: auch wenn die Dinge anders heißen, unsere Probleme sind die gleichen. Es waren intensive zwei Tage, in denen wir uns nicht immer einig waren. Das allerdings geschah ganz im Gegensatz zum momentanen Mainstream, voller Respekt dem anderen gegenüber, so wie es doch eigentlich sein sollte. Den anderen Anhören, nicht voller Zwang überzeugen wollen, sondern lernen. Muss man die andere Meinung annehmen? Nein, muss man nicht. Genauso wenig, wie man andere um alles in der Welt vom eigenen Denken überzeugen muss und darf.  Man sollte aber immer eines: darüber nachdenken. Besonders wichtig für mich persönlich war der Austausch über Strategien im Umgang mit Hass. (...) Danke für die Arbeit, für die Gedanken und Gespräche an das Team. Danke für die Idee und den Mut, etwas Neues zu wagen.“

www.irgendwiejuedisch.com

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