Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V.

Ausgabe 2 · Juni 2018

Fotos:

Xenia Fuchs

Von Warschau bis Krakau - ZWST-Studienreise rund um den 30. ´March of the Living`

Sie tragen Fahnen, halten sich an den Händen und schweigen: Am Gedenktag „Jom HaShoa“, in diesem Jahr am 12. April 2018, legten über 12.000 junge Juden beim „March of the Living“ (MOTL) in Polen die drei Kilometer zwischen dem ehemaligen Stammlager Auschwitz und dem ehemaligen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau zurück. An diesem Gedenktag, seit 1961 Nationalfeiertag in Israel, wird an die sechs Millionen Opfer sowie an die jüdischen Widerstands- und Untergrundkämpfer erinnert. Seit 1988, als jüdische Studierende zum ersten Mal in Auschwitz an die Todesmärsche von KZ-Häftlingen kurz vor Kriegsende erinnerten, sind diesen Weg bisher über 260.000 Teilnehmer gegangen. Vor dem Hintergrund des 70. Jahrestages der Gründung des Staates Israel und des mittlerweile 30. „March of the Living“ hatte die Veranstaltung in diesem Jahr ein besonderes Gewicht.

Auch die ZWST war mit 40 jungen Erwachsenen aus Deutschland dabei. Begleitet wurde die Delegation vom Religionslehrer Beni Pollak, dem designierten ZWST-Direktor Aron Schuster, der Pädagogin Xenia Fuchs und Ilya Daboosh, der bei der ZWST für das Programm 18+ zuständig ist. Dabei waren auch Ran Ronen vom Vorstand der ZWST sowie Alon Dorn, Mitglied der ZWST-Jugendkommission.

Wie seit vielen Jahren, organisierte die ZWST auch in diesem Jahr vom 08. bis 13. April rund um den „Marsch der Lebenden“ eine mehrtägige Studienreise durch Polen. Zu Beginn der Reise konnte sich die Gruppe durch den Besuch des ehemaligen Warschauer Ghettos, einer Synagoge und weiterer Erinnerungsorte in das jüdische Polen vor der Shoa hineinversetzen. Von Warschau aus besuchte die Gruppe am zweiten Tag die Gedenkstätte des ehemaligen KZ Treblinka.

Notizen aus dem Reisetagebuch der Teilnehmer:

10. April, Tag 3: Heute ging es aus Warschau nach Lublin. Auf dem Weg dorthin besuchten wir das Grab des berühmten chassidischen Rebbe Aldar. In Lublin sahen wir die ehemalige Chachmej Jeschiwa, eine Talmud-Tora-Schule von Rabbi Meir Schapiro. Das Gebäude wurde während des Krieges nicht zerstört und ist heute ein Hotel mit einem kleinen Gedenk-Raum. Dann erreichten wir das ehemalige Konzentrationslager Majdanek, ein heute von Wohngebieten umgebener Ort, der an Grausamkeiten erinnert. Erdrückt von den Emotionen und dem Gesehenen, konnten wir den Tag mit einer marokkanischen Delegation beenden, mit der wir Lieder sangen, die uns Juden auf der ganzen Welt verbinden. Am Israel Chai !

Yael Fechtner, Noa Kosman & Mischa Ushakov

 

11. April, Tag 4: Nach einem bewegenden Gespräch mit einer Zeitzeugin am gestrigen Abend startete der Tag mit dem Besuch des ehemaligen Konzentrationslagers Belzec. Es wurde 1943 aufgelöst und zerstört, um Spuren zu verwischen. Heute befindet sich hier eine Gedenkstätte. Anschließend fuhren wir zur Synagoge in Lancut, die heute leider nicht mehr benutzt wird. Die Schönheit der Synagoge mit Malereien und Verzierungen zeigt, wie beeindruckend das jüdische Leben vor der Shoa in dieser Stadt gewesen ist. Dann ging es nach Zbylitowska, ein Ort des Schreckens, an dem vor allem jüdische Kinder ermordet wurden. Zum Gedenken legten wir unsere alten Kuscheltiere auf das Massengrab. Unser nächster Ort war Krakau, hier besuchten wir das ehemalige Ghetto. Dort trafen wir auf die französische MOTL-Delegation und schlossen unseren sehr emotionalen und bewegenden Tag mit gemeinsamen Gesang und Tanz in Krakau ab.

Annabel Targownik

 

12. April, Tag 5: Ein sehr berührender Tag geht für die Teilnehmer unserer Reise heute zu Ende. Die Teilnahme am diesjährigen „March of the Living“ vom Konzentrationslager Auschwitz I bis zum Vernichtungslager Birkenau II war von Emotionen und Fassungslosigkeit geprägt. Die Vernichtung der europäischen Juden hat große Lücken hinterlassen. Es ist unsere Aufgabe, den noch lebenden Zeitzeugen zuzuhören und ihre Geschichten weiterzugeben!

Xenia Fuchs

 

13. April, Tag 6: In Krakau konnten wir heute einen Eindruck in das gegenwärtige und das ehemalige jüdische Leben gewinnen. Wir sprachen über das Viertel Kazimierz, sahen den alten jüdischen Friedhof und besichtigten die älteste Synagoge Krakaus. Ein Gedenkstein erinnert in Krakau an 40.000 deportierte Juden. Dieser Tag war ein guter Abschluss für unsere Reise.

Eliana Korn

 

Feedback einer Teilnehmerin:

„Die Erfahrung des ´March of the Living` war wichtig für mein Identitätsverständnis als deutsche Jüdin. Das Angebot der Studienreise fand ich besonders passend, da ich aufgrund der emotionalen Belastung keinesfalls alleine fahren wollte. Auf dieser Fahrt gab es für mich sehr viele Momente und Geschichten, die mich nicht nur beindruckt, sondern auch nachhaltig beeinflusst haben. Schon die Besichtigung des ersten Vernichtungslagers Treblinka war für mich sehr emotional. Unter anderem die perfide Bauweise des Lagers, z.B. das ´Lazarett`, in das die Alten und Schwachen zur angeblichen Behandlung auf einem abgesonderten Weg gebracht wurden, weil sie den Weg zu den richtigen Gaskammern nicht aus eigener Kraft geschafft hätten. Die härtesten Momente waren für mich jedoch mit dem Massengrab von Kindern in Zbylitowska Gora und dem Berg von Kinderschuhen in Auschwitz verbunden. - Aus meiner Sicht gibt es kaum eine bessere Möglichkeit, ein Zeichen für das friedliche Zusammenleben und gegen Krieg zu setzen, als am ´March of the Living` teilzunehmen.“

Elena Chikanova (31), Sozialarbeiterin beim jüdischen Wohlfahrtsverband in Wuppertal

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