Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V.

Ausgabe 2 · Juli 2017

jugendreferat informiert

Denn so etwas darf nie wieder passieren! - Mit der ZWST beim „March of the Living“

Seit vielen Jahren ermöglicht die ZWST jungen jüdischen Erwachsenen die Teilnahme am „March of the Living“, um gemeinsam mit tausenden jungen Menschen aus aller Welt am Jom Ha`Shoah den Opfern des Holocaust zu gedenken. In diesem Jahr lief die 50-köpfige Delegation der ZWST am 24. April durch das berüchtigte Tor des früheren Konzentrationslagers Auschwitz mit der Aufschrift „Arbeit macht frei“ bis zum ehemaligen KZ Birkenau, wo von 1940 bis 1945 mehr als 1 Million jüdische Menschen umgebracht wurden. Anlässlich des „Marsches der Lebenden“ hatte die ZWST eine mehrtägige Reise durch Polen vom 23. bis 28. April organisiert, begleitet von Religionslehrer Beni Pollak, Nachumi Rosenblatt (Leiter des Jugendreferates), Ilya Daboosh (Leiter Projekt 18+) und Aron Schuster (stellv. Direktor der ZWST).

Teilnehmerin Gina Krymalovski (24) aus Köln: „Wie konnte es passieren? Und wie können wir sicher sein, dass es nie wieder passiert?! Diese und viele andere Fragen beschäftigten die deutsche Delegation beim March of the Living 2017. Obwohl es auf diese Fragen wahrscheinlich keine abschließenden Antworten gibt, hat uns diese Woche nochmal verdeutlicht, wie wichtig es ist, sich für ein friedliches Miteinander einzusetzen und rechten Umtrieben entschieden entgegenzutreten.

Tausende Israel-Fahnen sind das Erste was man an diesem Tag in Birkenau sieht. Unter den Fahnen, getragen von jungen Menschen aus der ganzen Welt, die zusammen gekommen sind, um den 6 Millionen jüdischen Opfern des Holocaust zu gedenken, sind auch wir: die deutsche Delegation der ZWST. Wir sind hier, um zu gedenken, das Vergessen und das Leugnen zu verhindern und das Überleben unserer Vorfahren zu feiern.

Während alle nach der sehr emotionalen Gedenkveranstaltung entlang der Gleise Birkenaus, die damals für viele den Weg in den sicheren Tod bedeuteten, aus dem Lager gehen, realisieren wir: Wir können diesen Ort verlassen! Dieses Privileg hatten unsere Vorfahren nicht. Sie wurden eingesperrt, gequält, gefoltert und erlebten unvorstellbare Qualen. Genau aus dieser Generation der Überlebenden, die alles verloren haben, hat sich das heutige Judentum entwickelt: wir. Eine starke, jüdische Generation, deren Aufgabe es ist, daran mitzuarbeiten, dass so etwas nie wieder passiert. Das ist eines der großen Themen, welches immer mehr ins Bewusstsein der Teilnehmenden rückt. Sei es, während wir in Krakau die vielen, erhaltenen Synagogen besichtigen, in Majdanek gemeinsam Kaddisch beten, oder in Warschau, wo wir dem Weg folgen, den die meisten der ermordeten Warschauer Juden im zweiten Weltkrieg gehen mussten: vom Warschauer Ghetto über den Umschlagplatz bis nach Treblinka.

In Treblinka betrachten wir die vielen Grabsteine, viele ohne Namen, hören die Geschichten über die Geschehnisse an diesem Ort und werden nie ganz begreifen, wie so etwas passieren konnte. Heute stehen wir zusammen in einem Kreis, zünden Kerzen und singen die Hatikwa. Fünfzig junge Juden aus Deutschland, mit Erinnerungen an eine Woche, an die wir noch lange denken werden.“

Weitere Teilnehmer verdeutlichen, warum sie an dieser Reise teilgenommen haben und was für sie die prägenden Momente waren:

Leroy (17): „Meine Oma war als 12jähriges Mädchen in Auschwitz. Ich habe für sie, ihren Bruder, ihre Mutter und ihre Verwandten, die in Auschwitz ermordet wurden, am ´March of the Living` teilgenommen. Was mir besonders viel Kraft und ein gutes Gefühl gegeben hat, war unser gemeinsamer Gesang: ´Vehi she’amda` oder ´Im Eshkahech Jeruschalaim`. Auch der Gesang und Tanz in verschiedenen Synagogen, mit anderen Gruppen aus anderen Ländern, war ein Highlight für mich. Ich habe auf dieser Reise gelernt, wie gut es uns eigentlich geht. Ich weiß auch, wie wichtig es ist, als Volk gemeinsam zusammen zuhalten. Am Israel Chai.“

Tamara (16): „Warum ich mich dazu entschieden habe, an dieser Reise teilzunehmen? Einerseits war es mir wichtig, in einer Gruppe mit anderen jungen Leuten nach Polen zu fahren. Aber noch wichtiger war mir: Wir sind Juden in Deutschland. Dementsprechend werden wir früher oder später mit unserer Vorgeschichte konfrontiert. Ich wollte diese Zeit der Geschichte verstehen, das heißt, das Wissen stärken, was ich mir durch Biografien und Bücher angeeignet habe und Erzählungen von Zeitzeugen emotional nachvollziehen. Das Highlight für mich war das Kennenlernen von anderen Juden in unserem Alter aus den verschiedensten Orten der Welt, wie zum Beispiel aus Los Angeles und Casablanca. Wir trafen fremde Menschen – und haben zusammen gesungen und getanzt. Das waren starke und prägende Momente, in einem anderen Land jungen Juden erstmalig zu begegnen und sie nicht als Fremde wahrzunehmen. Was ich auf jeden Fall mit nach Hause genommen habe, war einmal die Erinnerung an die Erlebnisse in Polen und (das merke ich jeden Tag immer mehr) das Gefühl der Stärke, vor allem nach dem Marsch und der Gedenkzeremonie in Auschwitz, wo wir zum Abschluss die Hatikwa gesungen haben, was für mich ein sehr symbolischer und emotionaler Moment war. Stärke in Bezug auf meinen Glauben, auf meine Religion und auf mein Land. Am Israel Chai!“

Alon (16): „Der ´March of the living` bzw. die gesamte Polenreise mit der ZWST war eine unglaubliche Erfahrung – im wahrsten Sinne des Wortes. Es war für mich schwer zu realisieren, - ob in Auschwitz, Majdanek oder Treblinka -, welch grausame Verbrechen genau an dem Ort, an dem ich mich gerade befand, begangen wurden. Diese Verbrechen sind so unmenschlich, sie könnten gar nicht passiert sein, so wünschte ich mir innerlich. Aber ich musste letztendlich doch verstehen, wie real der in diesen Vernichtungs-Lagern erlittene Schmerz war. Da ich 9 Jahre auf einer jüdischen Schule war, hatte ich schon (so dachte ich zumindest) einiges an Vorwissen zu der NS-Zeit, konkreter vor allem Wissen zum Holocaust und zur versuchten Vernichtung unseres Volkes. Als ich mich dann aber in den Zentren der Massenvernichtung wiederfand, verstand ich, dass kein Wissen in irgendeiner Weise diese Erfahrung jemals ausgleichen kann. Wir werden niemals, auch nicht durch eine Reise durch Polen, das Leid der Juden, der Homosexuellen, der politischen Oppositionellen und aller anderen Opfer des Holocaust in vollster Weise nachvollziehen können. Diese Fahrt bringt einen jedoch so nah ans Geschehen wie möglich.“

Jeffrey (16): „Dieses Angebot der ZWST war eine einmalige Gelegenheit, die Erinnerung an schreckliche Ereignisse in einer Gruppe mit Gleichaltrigen gemeinsam zu verarbeiten. Auch habe ich meinem Großvater väterlicherseits versprochen, seiner Vergangenheit auf den Grund zu gehen. Als sein Enkel fühle ich mich verpflichtet, die ehemaligen Konzentrationslager zu besuchen, damit diese Zeit nicht in Vergessenheit gerät. Höhepunkt der Reise war das gemeinsame Singen der Hatikwa, der israelischen Nationalhymne in Auschwitz. Jüdische Jugendliche aus allen Ecken der Welt standen zusammen – es kamen viele unbeschreibliche Emotionen hoch. In einer kleinen, alten Synagoge haben wir eine Gruppe jüdischer Marokkaner getroffen, mit ihnen getanzt und gesungen. Es war ein ganz besonderes Gefühl zu sehen, wie die jüdische Religion uns verbindet. Durch die Reise realisiere ich, wie gut es uns heute geht und das dies - als Jude in Deutschland - keine Selbstverständlichkeit ist. Mir wurde deutlich, dass es sehr wichtig ist, den Staat Israel zu haben, damit so etwas nie wieder geschehen wird.“

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