Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V.

Ausgabe 2 · Juli 2017

kolumne  100

 

Die Erweiterung des Titels der seit 1929 als „Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege“ erscheinenden Verbandszeitschrift um den Begriff „Sozialpolitik“ symbolisiert die Modernisierung der jüdischen Wohlfahrtspflege. Es ging nicht mehr nur um reine Mildtätigkeit, sondern auch um konstruktive Hilfen, z.B. auf dem Gebiet der Berufsförderung.

Quelle:

Scheller, Bertold: Die Zentralwohlfahrtsstelle. Jüdische Wohlfahrtspflege in Deutschland, 1917-1987. Eine Selbstdarstellung. Frankfurt 1987

(Hrsg.: Zentralwohlfahrtsstelle)

Kolumne 100: Geschichte und Entwicklung der ZWST

Teil II: Weimarer Republik und Zerschlagung unter den Nazis

Situation in der Weimarer Republik

In der Weimarer Republik wurde mit einer neuen Sozialgesetzgebung die Grundlage für den Wohlfahrtsstaat geschaffen. Zentrale Spitzenverbände wie die ZWST wurden gefördert, sie leitete die dringend benötigten staatlichen Hilfen an die Gemeinden weiter. Eine zentrale Finanzierung in den Jahren der sich anbahnenden Weltwirtschaftskrise war ein ökonomisches Erfordernis. Internationale Hilfsorganisationen wie das „American Joint Distribution Committee“ (Joint) spendeten über die ZWST als zentrale Organisation an die notleidende jüdische Bevölkerung, auch Hilfen der Reichsregierung an verschiedene jüdische Einrichtungen liefen über die ZWST. Sie hatte sich während der Inflation als zentraler Hilfsfonds für jüdische Gemeinden bewährt.

In den Jahren nach dem ersten Weltkrieg baute der Verband seine Organisation aus: 1919 waren 71 jüdische Gemeinden, 1927 waren 200 Gemeinden direkte Mitglieder der ZWST, andere Gemeinden über ihre Landesorganisationen, ähnlich wie heute, nur in ganz anderen quantitativen Dimensionen. Der innere Aufbau des Verbandes wurde ausgeweitet und verschiedene Dezernate eingerichtet. 1926 entstand die „Deutsche Liga für Freie Wohlfahrtspflege“, in der alle Wohlfahrtsverbände zusammengefasst waren, eine Wende in der jüdischen Wohlfahrtspflege. In Kooperation mit anderen Verbänden hatte sie so mehr Möglichkeiten der Einflussnahme auf die Sozialpolitik. Sie kann als Vorläufer der heutigen Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (BAGFW) gesehe werden.

1932 gab es ein umfangreiches Netzwerk jüdischer, sozialer Einrichtungen, mit der Situation heute nicht zu vergleichen. Ein kleines Beispiel: 1932 gab es 32 Altenheime, heute gibt es 12 jüdische Einrichtungen für Senioren in Deutschland.

Vor dem Hintergrund der zunehmenden Obdachlosigkeit schloss sich 1930 die für obdachlose Juden tätige „Hauptstelle für Jüdische Wanderfürsorge und Arbeitsnachweise“ in Berlin mit der ZWST zusammen. Arbeitsstätten, sog. „Durchwandererfürsorgestellen“ und Hilfsvereine entstanden. Die modernste Einrichtung war das „Landwerk Neuendorf“ bei Berlin für obdachlose Juden.

Zerschlagung der jüdischen Infrastruktur ab 1933

Was bedeutete „Zedaka“ in dieser Zeit? Was konnte die jüdische Wohlfahrtspflege unter den zunehmend erschwerten Bedingungen leisten? Hier einige Beispiele: Es gab Auswanderungshilfen durch den „Hilfsverein der Deutschen Juden“ für verarmte Juden. Das „Palästina-Amt“ (Außenstelle der Jewish Agency) unterstützte jüngere Menschen, die nach Israel auswandern wollten. Mit Hilfsfonds für jüdische Kinder, die keine deutschen Schulen mehr besuchten durften, wurde der Besuch einer jüdischen Schule organisiert. Ab 1935 wurden jüdische Beitragszahler und Empfänger aus dem „Winterhilfswerk des deutschen Volkes“ ausgegliedert, ein eigenes jüdisches Winterhilfswerk wurde gegründet. Die durch das Berufsbeamtengesetz entlassenen Sozialexperten jüdischen Glaubens wurden bei der ZWST dringend für diese neuen Aufgaben benötigt.

1933 wurden die Zentralstelle für jüdische Wirtschaftshilfe und der Zentralausschuss für Hilfe und Aufbau geschaffen. Mit Hilfe des „Joint“ und aller jüdischen Organisationen in Deutschland war dieser Zentralausschuss der finanzielle Stützpfeiler aller sozialen Aktivitäten. Die Zentralisierung jüdischer Organisationen wurde dann unter dem Druck des Naziregimes unumgängliche Notwendigkeit. Im Herbst 1933 entstand eine zentrale politische Repräsentanz: die “Reichsvertretung der deutschen Juden”. 1934 wurde, im Interesse einer Stärkung, die ZWST mit allen ihr verbundenen, oben genannten Ausschüssen und den Auswanderungsorganisationen der Reichsvertretung der deutschen Juden angeschlossen. 1939 wurde diese Repräsentanz durch die Nazis zwangsaufgelöst,  die durch die NS-Machthaber ins Leben gerufene Zwangsorganisation “Reichsvereinigung der Juden in Deutschland” trat an ihre Stelle. Die ZWST hatte aufgehört zu existieren. Eine Abteilung “Fürsorge” der Reichsvereinigung blieb noch so lange bestehen, wie diese Zwangsorganisation bestand. 1943 wurde auch sie zerschlagen. Einige Mitarbeiter versuchten, unter Verzicht auf ihre eigene Rettung, den in Deutschland eingekesselten Juden bis zu ihrer eigenen Deportation beizustehen. Viele von ihnen wurden in den Konzentrationslagern ermordet.

HvB, ZWST

Schicken Sie uns Ihre Anregungen und Kommentare, auch Ihre Fragen zum Artikel:

Formular wird gesendet...

Auf dem Server ist ein Fehler aufgetreten.

Formular empfangen.

Herausgeber.:

ZWST, Hebelstr. 6
60318 Frankfurt/M.
Tel.: 069 / 944371-0
Fax: 069 / 49 48 17
www.zwst.org

Redaktion und Satz:

Heike von Bassewitz
069 / 944371- 21
oeffentlichkeitsarbeit@zwst.org

Gestaltung:

Andrej Kulakowski

www.a-kulakowski.de

design@a-kulakowski.de