Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V.

Ausgabe 2 · Juli 2017

Sozialreferat  informiert

Bikkur Cholim - von der Pflicht, Kranke zu besuchen

Tagung „End-of-Life: Jewish Perspectives (2)“ in Berlin

Die Selbstoptimierung des Individuums hat Konjunktur, Krankheiten gelten als störendes Versagen, das so schnell wie möglich verschwinden muss. Auch deshalb verliert Bikkur Cholim – die Mizwa des Krankenbesuchs – nichts an Aktualität: Menschen, die an den gesellschaftlichen Rand gedrängt werden, bedürfen (mindestens) derselben Achtung und Zuwendung wie zu ihren gesunden Tagen. Ein Grund für Dr. med. Stephan Probst, ltd. Oberarzt und Palliativmediziner im Klinikum Bielefeld, die „End-of-Life: Jewish Perspectives (2)“ zu organisieren: Etwa 80 Teilnehmende beschäftigten sich vom 27. bis 30. April in Berlin mit „Bikkur Cholim“ und setzten thematisch fort, was 2015 mit „Begleitung von Sterbenden“ begonnen hatte.

Ein dichtes Programm und hochkarätige Referenten zeigten die Themenvielfalt: Professor Dr. Yitzhak Ahren (Jerusalem), startete mit „Jüdische Gebete um Gesundheit von Seele und Körper“. Prof. Dr. Doron Kiesel (Zentralrat der Juden, Bildungsabteilung) gab einen Einblick in die soziokulturelle, sozioökonomische und psychosoziale Realität in den jüdischen Gemeinden in Deutschland. Über die „Halacha der Bikkur Cholim“ sprach Prof. Dr. Admiel Kosman (Potsdam) und darüber, dass es darum geht, für den anderen da zu sein – und so Gott zu ehren. Den Ansatz der „Dignity Therapy“ stellte Prof. Dr. Shani Tzoref (Potsdam) vor und Dina Herz den noch jungen Beruf der Seelsorge in Israel und ihre Arbeit im Jerusalemer Krankenhaus Hadassah. Sarah Werren (Zentrum für Jüdische Studien der Universität Basel) zeigte Konzepte jüdischer Seelsorge.

Larissa Karwin (ZWST-Sozialreferat) erläuterte die Aufgaben und den Aufbau von Bikkur-Cholim-Gruppen in den jüdischen Gemeinden. Sie organisiert u.a. Fortbildungsreihen für ehrenamtliche Leiter und Mitarbeiter von Bikkur-Cholim-Gruppen – regional in den Gemeinden und zentral in der Freizeit- und Bildungsstätte der ZWST in Bad Sobernheim. Diese Seminare unterstützen die Professionalisierung, vermitteln die nötige Ausbildung neuer Mitglieder und fördern so die Ausweitung der Bikkur Cholim in der jüdischen Gemeinschaft.

Mit dem Referat „Heilkunde und Krankenpflege in der jüdischen Geschichte“ von Prof. Dr. Gerhard Baader (Berlin) ging es weiter, gefolgt von einem Ausflug in die buddhistische Meditation mit Dr. Michael Schmiedel (Bielefeld). „Die Rolle des Arztes im Judentum“ verdeutlichte Dr. Schimon Staszewski (Neu-Isenburg), mit „Spiritual Care“ befasste sich Prof. Dr. Eckardt Frick (München). Dem anspruchsvollen Sujet „Der Glaube an Seelenwanderung im Judentum“ widmete sich ebenso kenntnisreich wie humorvoll Rabbiner Tovia Ben-Chorin  (St. Gallen).

Inspirierendes auch am vierten Tagungstag: Silke Migala (Berlin) sprach über die Bedeutung der Religiosität bei postsowjetischen Juden am Lebensende. Mit „Die praktische Spiritualität – Meditation im Judentum“ erfuhren die Zuhörenden von Tom Kučera, Rabbiner der Liberalen Jüdischen Gemeinde Beth Shalom in München, was „Hitbonenut“ – die Betrachtung oder Achtsamkeit – im Körper bewirkt und wie die jüdischen Quellen dazu auffordern. Empirische Ergebnisse zur Einstellung zu medizinischen Entscheidungen am Lebensende präsentierte Dr. Mark Schweda aus Göttingen. Katja Wolgast (Potsdam) spannte einen Bogen auf die Chewra Kadischa im deutschen Kaiserreich.

Besondere Tagungsorte

Die gute Atmosphäre wurde nicht zuletzt von den eindrucksvollen Tagungsorten befördert: die Humboldt-Universität und das Jüdische Krankenhaus, dessen Geschichte Chefarzt Dr. med. Jan Jungehülsing vorstellte. Verbindend und stärkend wirkten Kabbalat Schabbat und Schacharit, Oneg Schabbat und Hawdala. Der rege Austausch zwischen den Teilnehmenden spendete Kraft für den Alltag.

Viele freuen sich deshalb auf 2018: Geplant ist ein Seminar, das sich mit Trauer und dem Umgang mit Verlust beschäftigt. Unterstützer der Tagung: Klinikum Bielefeld gem. GmbH, Jüdisches Krankenhaus Berlin, Allgemeine Rabbinerkonferenz Deutschland, Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland, Deutsche PalliativStiftung, Zentrum für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg, Abraham Geiger Kolleg Berlin, Union progressiver Juden in Deutschland und Liberale Jüdische Gemeinde München Beth Shalom.

Ilse Raetsch, Redaktionsbüro München

 

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