Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V.

Ausgabe 2 · Juli 2017

zwst informiert

Antisemitismusbericht des zweiten Unabhängigen Expertenkreises mit Beteiligung der ZWST

Im Dezember 2014 wurde auf Antrag aller Bundestagsfraktionen ein zweiter Unabhängiger Expertenkreis Antisemitismus (UEA) eingesetzt, bestehend aus 10 Experten aus Wissenschaft und Praxis. Marina Chernivsky (Psychologin und Leiterin des ZWST-Kompetenzzentrums für Prävention und Empowerment) gehörte zur Kommission und brachte neben ihrem wissenschaftlichen Hintergrund langjährige Projekterfahrungen und fundierte Expertisen im Bereich der Antisemitismusforschung- und prävention ein. Der Ausgangspunkt für die Einberufung des zweiten UEA war die nach wie vor große Verbreitung von Antisemitismus und der damit verbundene Bedarf, kontinuierlich und umfassend zu diesem Thema zu forschen und zu berichten. Der Auftrag des Deutschen Bundestages bestand darin, einen umfassenden Expertenbericht zu erstellen, mit einem möglichst weitreichenden Überblick darüber, mit welchen Herausforderungen die unterschiedlichen Akteure, Institutionen und Organisationen konfrontiert werden und welche Bildungsmaßnahmen existieren bzw. noch erforderlich sind.

Dem Expertenkreis war von Anfang an wichtig, sich nicht nur intern auszutauschen, sondern zusätzlich auch Expertisen aus Politik, Verwaltung, Wissenschaft und Zivilgesellschaft einzuholen und neue Studien in Auftrag zu geben. Neben der Aktualisierung der Ergebnisse, die der erste Expertenkreis 2011 als erste Bestandsaufnahme zum Antisemitismus in Deutschland vorgelegt hat, hat sich der zweite Expertenkreis mit einer Reihe von Themen beschäftigt, die im ersten Berichtszeitraum noch keine oder nur wenig Relevanz hatten

Neu sind in diesem Bericht die Perspektiven der Betroffenen, erste Erkenntnisse zum Antisemitismus bei Geflüchteten und die qualitative Befragung von Imamen. Eingehend betrachtet werden auch die Entwicklungen im Internet und in den Sozialen Medien, die zum zentralen Verbreitungsinstrument von Hassbotschaften und antisemitischer Hetze geworden sind. Besonders in den Blick genommen hat der zweite Expertenkreis das Thema Prävention, Intervention und Erwachsenenbildung. Dem Bericht zufolge fehlt es am Bewusstsein für Antisemitismus als gesamtgesellschaftlichem Missstand. Nicht nur im Bereich Schule, Hochschule, Jugend- und Sozialarbeit sowie Aus- und Weiterbildung sind erhebliche Leerstellen zu verzeichnen. Es mangelt an einer beständigen Grundlagenforschung, am regelmäßigen Monitoring antisemitischer Einstellungen und Straftaten sowie der Erhebung von Betroffenenperspektiven.

Pointiert formuliert: Deutschland leistet es sich, nicht genauer wissen zu wollen, wie antisemitisch die Gesellschaft ist und welche Wirkungskraft der Antisemitismus entfalten kann. Der festgestellte Mangel an umfassender, koordinierter bzw. verstetigter Prävention hängt eng damit zusammen.

Die zentralen Forderungen des zweiten Expertenkreises sind unter anderem die Berufung eines Antisemitismusbeauftragten, die Verstetigung eines unabhängigen Expertenkreises, die konsequente Erfassung antisemitischer Straftaten sowie dauerhafte Förderung von Trägern der Antisemitismusprävention und von Beratungsstrukuren für Betroffene.

Nach Veröffentlichung des Antisemitismusberichts organisierte das Kompetenzzentrum der ZWST mehrere Veranstaltungen, um über die Ergebnisse zu informieren und Debatten anzustoßen. Am 24. April fand in Kooperation mit der KIgA e.V. (Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus) das erste Expertengespräch statt. Aufgrund eines bekannt gewordenen antisemitischen Vorfalls an einer Gemeinschaftsschule in Berlin/Friedenau veranstaltete das Kompetenzzentrum am 03. Mai das erste Fachgespräch für jüdische Familien, eine zweite Veranstaltung fand am 20. Juni zum Thema  „Shoah Education in der Schule“ statt. Ein weiteres Fachgespräch am 11. Mai zum Thema „Beredtes Schweigen – Zum Umgang mit Antisemitismus an der Schule“ richtete sich an die breite Öffentlichkeit. Weitere Veranstaltungen sind derzeit in Planung.

Ein wichtiges Ergebnis des Berichts ist die empirisch fundierte Feststellung, dass die Konfrontation mit Antisemitismus für die jüdische Bevölkerung alltagsprägend und belastend ist. Neben Prävention bedarf es Unterstützung und Beratung von Betroffenen. Das Kompetenzzentrum bildet seit einem Jahr Beratungsmultiplikatoren aus und eröffnet am 01. Juli eine neue Beratungsstelle in Berlin.

Marina Chernivsky,

HvB, ZWST

 

 

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