Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V.

Ausgabe 2 · Juli 2017

zwst berlin informiert

„2 Juden – 3 Meinungen“, Seminar zum Pluralismus im Judentum

Ein Thema, welches in diesem Seminar vielen Perspektiven Raum bot: religiös und weltlich, politisch und privat. Einerseits wurde Wissen über Strömungen im Judentum vermittelt und debattiert, andererseits wurde ein komplexes Lebensgefühl deutlich: Wir sind jung, aktiv, möchten manches anders machen in unseren Gemeinden und Institutionen – nur geht uns das alles schon lange nicht mehr schnell genug. 30 junge Erwachsene aus verschiedenen jüdischen Gemeinden, die zu einem der populären „Berliner Seminare“ Anfang Mai angereist waren, sprachen über veraltete Strukturen und starre Hierarchien vielerorts in den Gemeinden. Oft werde ihnen zu enger Spielraum zugebilligt und ihre Kreativität ausgebremst. Eine Folge ist die enttäuschte Abwendung vom Gemeindeleben.

Die zahlreichen Diskussionen und Pausengespräche waren trotz kontroverser Auffassungen von gegenseitigem Respekt getragen. Dabei spannte sich ein reichhaltiges und spannendes Meinungsfeld mit kulturellen und religiösen Eckpunkten. Zwischen Thesen wie „Das deutsche Judentum ist bunt und vielfältig“ und “es gibt gar kein deutsches Judentum mehr“ und den libertären Ansprüchen der Vaterjuden und religiös-philosophischen Problemen orthodoxer Prägung verliefen die Erörterungen im Seminar mit großem Engagement.

Zum Auftakt sprach Daniel Botmann, Geschäftsführer des Zentralrats. In seinem Vortrag klang der am Seminarwochenende immer wieder thematisierte Generationswechsel in der jüdischen Gemeinschaft an. Botmann problematisierte den entweder philo- oder antisemitisch geprägten Blick der „anderen“ auf die jüdische Gemeinschaft und versicherte: „Shoah ist kein Alleinstellungsmerkmal mehr. Wir haben viel mehr zu bieten“. Allerdings müssten die Juden in Deutschland sich zu allen allgemeinen politischen und kulturellen Fragen viel mehr äußern und sich stärker in die Politik einbringen.

Das bekräftigte auch Oren Osterer, der die European Maccabi Games 2015 in Berlin organisiert hatte. Er und die Autorin Rina Soloveitchik wurden von Seminarleiterin Sabine Reisin in einer Podiumsdiskussion zusammengebracht. Während Soloveitchik kritisierte, nur Antisemitismus und Holocaust seien konstitutiv für das deutsche Judentum und die Gemeindestrukturen seien unattraktiv, waren Osterer wie zuvor Botmann überzeugt, die junge Generation habe bereits Verantwortung übernommen, sei aktiv und ideenreich.

Das Thema „Vaterjuden und gemischte Familien“ wurde im Rahmen eines Kamingesprächs am Samstagabend diskutiert. Hier ging es um die Kernfrage: „Wer ist jüdisch?“ Einen diskriminierenden Umgang mit Vaterjuden konstatierte Film- und Medienwissenschaftlerin Lea Wohl v. Haselberg. Sie führte aus, dass es in Familien, in denen zufällig der Vater und nicht die Mutter jüdisch sei, die gleichen Schicksale gebe, wie bei Menschen matrilinearer jüdischer Herkunft, geprägt durch Verfolgung, Flucht, Emigration und Ermordung während des Nationalsozialismus und/oder stalinistische Verfolgung in der Sowjetunion. Der einfühlsame Beitrag erhielt viel Beifall unter den Teilnehmern, stieß aber auch auf Widerspruch. Micha Brumlik, Senior Advisor am Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg, betonte, es gebe Regeln im Judentum, wer Jude sei und wer nicht. Wer der jüdischen Gemeinschaft angehören wolle und keine jüdische Mutter habe, dem stehe frei, zum Judentum überzutreten. Er sei allerdings wie viele andere für Erleichterungen beim Giur. Elisa Klapheck, Rabbinerin des egalitären Minjan in Frankfurt/M., informierte die Teilnehmer über die Möglichkeiten eines liberalen Giur. Obwohl in diesen Fragen kein Konsens zu erwarten war, war man sich einig: Das Thema wird die jüdische Gemeinschaft in Deutschland auch zukünftig beschäftigen.

Die unterschiedlichen Strömungen des Judentums verdeutlichten Rabbinerin Elisa Klapheck aus liberaler, Rabbiner Daniel Fabian (Direktor der Jugendprogramme bei Lauder Yeshurun) und Asher Mattern (Hebräische Universität Jerusalem) aus traditioneller Perspektive. Daniel Korn (Geschäftsführer bei Korn Liegenschaften), zog Vergleiche zwischen „Orthodox“, „Konservativ“ und „Liberal“.

Den Schlussakkord setzte Benny Fischer, Präsident der European Union of Jewish Students, der Begeisterung weckte für Shabbaton, wie sie z. B. der internationale Studentenverband Hillel veranstaltet: orthodoxer, konservativer und liberaler G’ttesdienst verlaufen getrennt. Am Kiddusch, Essen und Schiurim nehmen jedoch alle gemeinsam teil: Lebendiges jüdisches Leben für alle!

Sabine Reisin, ZWST Berlin

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