Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V.

Ausgabe 1 · April 2017

 sozialreferat informiert

Fotos: Rafael Herlich

Shoah – Flucht – Migration

Internationale Konferenz zu den Auswirkungen vielfältiger Überlebens- und Migrationserfahrungen

Vom 19. bis 22. März 2017 hat die ZWST in Frankfurt die 6. Internationale Konferenz zum Thema „Shoah – Flucht – Migration“ durchgeführt, gefördert von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ) und der Aktion Mensch e.V. Sie stand unter der Schirmherrschaft von Peter Feldmann, Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt/M., in dessen Namen die Stadträtein Dr. Renate Sterzel die Teilnehmer begrüßte.

Diese Konferenz, organisiert vom Sozialreferat der ZWST, richtete sich an Fachkräfte und an unterschiedliche Gruppen von Überlebenden der Shoah und ihre Angehörigen, für die die Bewältigung des alltäglichen Lebens aufgrund komplexer Traumatisierungen zu schweren psychischen Belastungen führen kann. Fachvorträge, Podiumsgespräche mit Zeitzeugen und eine hohe Anzahl von Workshops zielten darauf ab, den vielfältigen Bedürfnissen eines heterogenen Publikums mit rund 200 Teilnehmern aus 15 Ländern zu entsprechen.

Austausch von Expertise und Erfahrung

In ihren Grußworten betonten Ebi Lehrer, Präsident der ZWST und Anja Kräutler, Projektleiterin bei der EVZ, wie wichtig es sei, Expertise und Erfahrung, auch auf internationaler Ebene, auszutauschen. Die Themen und Fragestellungen der Konferenz seien hoch aktuell und in der Öffentlichkeit immer noch zu wenig bekannt. Noemi Staszewski, Projektleiterin bei der ZWST für psychosoziale Programme und Treffpunkte für Überlebende, führte gemeinsam mit Prof. Dr. Doron Kiesel, Professor für Interkulturelle Pädagogik an der FH Erfurt, in die Tagungsthematik ein. Doron Kiesel betonte, die Folgen einer Traumatisierung seien nicht bei jedem gleich, daher müsse man genau hinsehen und zwischen den verschiedenen Schicksalen differenzieren lernen, damit man jedem Einzelnen gerecht werden könne.

Vielschichtige Lebensläufe: Prof. Dr. Christian Wiese (Goethe-Universität Frankfurt/M.) beschrieb in seinem Fazit die „roten Fäden“, die sich durch das Tagungsprogramm zogen: Die Vielstimmigkeit der biographischen Erfahrungen und die Bedeutung des individuellen Erzählens als heilsamer Prozess. Historisch-soziologische Vorträge (Dr. Gad Arnsberg, Universität Tel Aviv, Hans-Jakob Ginsburg, Journalist u. Autor, Dr. Jens Hoppe, Claims Conference) beleuchteten die unterschiedlichen Migrationserfahrungen der 1945 in Deutschland gestrandeten Überlebenden aus Osteuropa (sog. DP´s), der deutschen Juden, die in Deutschland oder im Exil überlebt haben, der Flüchtlinge, die in den 50er und 60er Jahren aus Ungarn, Polen und Rumänien kamen und der ex-sowjetischen Zuwanderer nach dem Mauerfall. Diese vielschichtigen Lebensläufe wurden aus traumatheoretischer Perspektive von Prof. Dr. Marianne Leuzinger-Bohleber (Universität Kassel), Gerda Netopil (Psychsozoziales Zentrum ESRA, Wien) und Prof. Dr. Julia Bernstein (Frankfurt University of Applied Sciences) wieder aufgegriffen. Prof. Dr. Amit Shrira (Bar-Ilan-Universität Israel) stellte die noch wenig erforschte Frage, inwieweit traumatische Ereignisse, erlebt von früheren Generationen, den Alterungsprozess bestehender Generationen beeinflussen. Diese vor allem für Angehörige der 2. Generation relevante Frage, bedürfe interdisziplinärer Interventionen, um die Nachkommen von Holocaustüberlebenden zu unterstützen.

Biographische Einsichten: Die Bedeutung des individuellen Erzählens wurde auch im Gespräch mit Zeitzeugen auf bewegende Art und Weise deutlich. Man spricht nicht nur über sie, sondern mit ihnen und das Abstrakte wird vorstellbar. Mendel Aronovici (1932 geb. in Rumänien) und Hana Laufer (1939 geb. in Prag), skizzierten im Gespräch mit Noemi Staszewski ihre Lebenswege: über Flucht, Deportation, Versteck, Leben im Ghetto, Zwangsarbeit, Auswanderung nach Israel - heute leben beide in Frankfurt. Beide machten deutlich, was „multiple Traumatisierung“ bedeuten kann. „Ich blieb immer das stille Kind aus dem Versteck“, so Hana Laufer, die, wie auch Mendel Aronovici auf dieser Tagung erstmals öffentlich ihre Lebensgeschichte erzählte. Noemi Staszewski hatte zu Beginn der Tagung auf die positiven Kräfte und Perspektiven bei vielen hochbetagten Zeitzeugen hingewiesen. Ein weiterer Zeitzeuge, der mit seiner humorvollen und positiven Ausstrahlung das Publikum beeindruckte, war der 90jährige Rabbiner William Wolff. Er flüchtete 1933 über Amsterdam nach England, arbeitete als Journalist und später auch als Rabbiner in London und war Landesrabbiner in Mecklenburg-Vorpommern.

Workshops als geschützte Räume und Praxisbezug: Auch die Vielfalt kompetent begleiteter Workshops entsprach dem heterogenen Publikum und den „roten Fäden“ dieser Tagung, hier einige Beispiele: Workshops mit Dr. Martin Auerbach (Psychiater, Psychotherapeut, klinischer Leiter von AMCHA Israel) zu Migrationserfahrungen der ersten Generation und Folgegenerationen boten die Gelegenheit zur Teilnahme an einer Erfahrungsgruppe. Im Workshop mit Dr. Joram Ronel (Oberarzt und Dozent an der TU München, Initiator des Cafe Zelig) konnten Fachkräfte Möglichkeiten des Umgangs mit psychosomatischen Reaktionen erarbeiten. In der Arbeitsgruppe mit Louis Lewitan (Dipl. Psychologe, Stressexperte und Coach) standen die persönlichen Verarbeitungsmechanismen und Strategien im Umgang mit den Eltern im Fokus. Wichtig für den internationalen Austausch waren mehrsprachige Arbeitsgruppen mit Perspektiven aus anderen Ländern: Jim Sutherland (Association of Jewish Refugees, GB), beleuchtete das Tagungsthema aus britischer Sicht. Dr. Alona Jakuba (Psychologin im Zentrum Hessed Riga), informierte über die psychologische Arbeit mit Überlebenden in der jüdischen Gemeinde in Riga. Dr. Darina Sedláčková (u.a. Leiterin des Büros für NS Opfer des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds) diskutierte in ihrem Workshop die Herausforderungen und Grenzen der Versorgung von Überlebenden durch nicht-jüdische Organisationen.

Trauma, Flucht und Migration gestern und heute

Eine mögliche Übertragbarkeit auf heutige Traumata von Flüchtlingen diskutierten Martin Auerbach, Lukas Welz (Vorsitzender von AMCHA Deutschland) und Elise Bittenbinder (Vorsitzende der Bundesweiten AG der Psychozentralen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer, stellv. Leiterin von XENION). Sie stellten das „PresentPast“-Programm für internationalen Dialog in der psychosozialen Hilfe vor. Inwiefern lassen sich die Erfahrungen der 1987 gegründeten Organisation AMCHA auf heute übertragen? Die Referenten skizzierten die Grundprinzipien, wenn auch der jeweilige Kontext individuell sei: Die „Community“, die Gemeinschaft, in der man sich aufgehoben fühlt, sei mindestens so wichtig wie therapeutische Unterstützung, dies gelte auch für die Helfenden. Ein weiterer zentraler Punkt sei das Erkennen und die Anerkennung des Traumas. Dazu Noemi Staszewski: „Diese Community findet sich wieder in den Treffpunkten für Überlebende in den jüdischen Gemeinden, für deren Mitarbeiter Tagungen wie diese Gelegenheit bieten, eigene Erfahrungen zu reflektieren, sich weiter zu qualifizieren, sich auszutauschen und  von einander zu lernen.“

HvB, ZWST

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