Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V.

Ausgabe 1 · April 2017

Kolumne 100: Geschichte und Entwicklung der ZWST

Teil I: Die Gründungsphase

In dieser und den kommenden Ausgaben informiert die ZWST über ihre 100jährige Geschichte, geprägt von Brüchen und Kontinuitäten. Fakten zu den historischen Hintergründen der Gründungsphase machen hier den Anfang.

Situation der jüdischen Wohlfahrtspflege vor Gründung der ZWST – eine historische Skizze

Bis ins 18. Jahrhundert hinein oblag die Organisation der Wohlfahrt den einzelnen jüdischen Gemeinden. Unter anderem waren „Bikkur Cholim“-Gruppen bis zum Holocaust selbstverständlicher Bestandteil jeder jüdischen Gemeinde. Mit der sogenannten Emanzipation der Juden im 19. Jahrhundert, änderte sich die Struktur der jüdischen Wohlfahrtspflege. Die durch die industrielle Revolution veränderten Produktionsbedingungen schufen zwar eine breitere jüdische Mittelschicht, führten jedoch gleichzeitig zur Verelendung jüdischer Proletarier. Es entstand ein weitverzweigtes Netz einer arbeitsteilig organisierten Fürsorge, die von wohlhabenden, großbürgerlichen Kreisen gestiftet und getragen wurde. Zu den Armen- Obdachlosen- und Waisenhäusern des 18. Jh. kamen im 19. Jh. Einrichtungen der Gesundheits-, Alten- und Jugendfürsorge, 1890 entstanden die ersten Mütter- und Säuglingsheime. Zu Beginn des 20. Jh. war die jüdische Wohlfahrtspflege geprägt von einer außerordentlichen Vielfalt: 3010 Wohlfahrtsvereine existierten im Jahr 1909 in 1014 jüdischen Gemeinden. Die jüdische Bevölkerung in Deutschland umfasste rund 600.000 Personen. Die Zersplitterung sozialer Aktivitäten und die Unüberschaubarkeit privater Wohltätigkeit entsprachen nicht mehr den Erfordernissen der Zeit – das Erfordernis eines zentralen sozialen Dachverbandes für die jüdische Gemeinschaft wurde immer deutlicher.

Geschichte wiederholt sich: Wie auch in späteren Jahren waren die Anforderungen an die jüdische Wohlfahrtspflege geprägt durch Zuwanderung aus dem Osten. Pogrome in Russland und Südosteuropa 1881 führten zu Flüchtlingsströmen, 1925 lebten 107.000 Ostjuden im Deutschen Reich. Diese Wanderungsbewegung veränderte erheblich die Mitgliederstruktur der jüdischen Gemeinden, v.a. in Berlin. 50 Jahre Ost-West-Wanderung hatten hier neue Zentren jüdischen Lebens entstehen lassen.

Pionierin der jüdisch-sozialen Frauenarbeit: Bertha Pappenheim (1859 – 1936)

Die ZWST wurde am 09. September 1917 als „Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden“ ins Leben gerufen, um als Dachverband die vielfältigen sozialen Einrichtungen der jüdischen Gemeinschaft zu koordinieren. Den äußeren Anstoß zur Bündelung der privaten Aktivitäten und sozialer Gemeindeprogramme gab die engagierte Frauenrechtlerin, Sozialpolitikerin, Sozialarbeiterin, Erzieherin und Schriftstellerin Bertha Pappenheim.

1859 in Wien als „höhere Tochter“ geboren, ging sie im Jahr 1888 nach Frankfurt/M., um sich in der jüdischen Sozialarbeit zu engagieren. Sie gehörte 1904 zu den Begründerinnen des Jüdischen Frauenbundes, dem Dachverband aller jüdischen Frauenvereine mit 50.000 Mitgliedern Ende der 20er Jahre und war bis 1924 seine Vorsitzende. In dieser Eigenschaft gab sie den Anstoß zur Gründung der ZWST. In der jüdischen Presse erschien im Sommer 1917 ihr Aufruf „Wehe dem, dessen Gewissen schläft“, der darauf abzielte, der Zersplitterung der hoch entwickelten jüdischen Wohlfahrtspflege ein Ende zu machen und Ressourcen zu bündeln. Als Krönung ihres Lebenswerks betrachtete Bertha Pappenheim das von ihr 1907 in Neu-Isenburg eingerichtete Mädchenheim, das jungen Jüdinnen Schutz, Erziehung und Ausbildung bot. Bis zu ihrem Tod 1936 leitete sie das Heim und setzte sich unter anderem für die Selbstständigkeit und Berufsausbildung armer Frauen ein, um sie vor Abhängigkeitsverhältnissen zu bewahren. An ihr verdienstvolles Engagement für die weibliche Emanzipation in jüdischen Zusammenhängen erinnert seit 1996 eine Gedenk- und Begegnungsstätte in Neu Isenburg.

Bertha Pappenheim war Anna O.: Bekannt wurde sie außerdem durch ihre psychische Erkrankung in jungen Jahren während der Pflege ihres kranken Vaters: Bertha Pappenheim ist „Frl. Anna O.“, die Sigmund Freud und Josef Breuer zur Entwicklung der Psychoanalyse inspirierte. Ihre Krankengeschichte wurde als Fallbeispiel in den „Studien über Hysterie“ 1895 veröffentlicht. Der Beginn eines neuen Lebens und ihr soziales Engagement in Frankfurt trugen zu ihrer Gesundung bei.

HvB, ZWST

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