Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V.

Ausgabe 1 · April 2017

ZWST informiert

Matthias Jahr (o. Mitte) in Frankfurt/Oder mit Zuwanderern, die den Holocaust überlebt haben. Obere Reihe, 1.v.li.: Larisa Bargteyl, Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Frankfurt/O., 2.v.li.: Jutta Josepovici, Leiterin des ZWST-Sozialreferates

Von Anfang an dabei: Rückblick auf 27 Jahre Zuwanderung

Seit 26 Jahren organisiert Matthias Jahr mobile soziale Beratung in den östlichen Bundesländern, seit 1998 im Rahmen der überregionalen Beratungsstelle Brandenburg mit Sitz in Potsdam, gemeinsam mit Ludmila Lindecke-Profir. In dieser Funktion ist er für Rat- und Hilfesuchende in den jüdischen Gemeinden in Potsdam, Frankfurt/Oder, Cottbus, Bernau, Königs Wusterhausen und Oranienburg unterwegs. Im Gespräch zieht er ein Fazit dieser Zeit und blickt in die Zukunft.

Lieber Matthias, bitte gib uns mit ein paar biographischen Daten einen Überblick über deinen Lebenslauf.

„Ich bin in Gera (Thüringen) geboren, habe ein gesellschaftswissenschaftliches Studium (Dipl.) absolviert und war in der Jugendarbeit tätig. Das führte mich in der 80er Jahren für 4 Jahre nach Russland, in den Ural und die Ukraine, eine wichtige Erfahrung für mich. Ich konnte meine Kenntnisse der russischen Sprache intensivieren und kam in Kontakt mit den Menschen. Zum Zeitpunkt des politischen Umbruches in der DDR war ich im Amt des Ministerrates als Referent für Jugendfragen tätig.“

Wie hast du die Anfänge der Zuwanderung erlebt und wie bist du zur ZWST gekommen?

„Anfang 1990 kamen die ersten jüdischen Menschen aus der damaligen Sowjetunion vor allem nach Berlin und suchten einen sicheren Aufenthalt und Schutz vor antisemitischen Tendenzen und Übergriffen in ihrer Heimat. Aufgrund meiner Sprachkenntnisse und meiner Erfahrungen in der ehemaligen SU habe ich ab März 1990 als Referent für die neu geschaffene Stelle einer Ausländerbeauftragten der letzten DDR-Regierung gearbeitet. Im Laufe des Jahres 1990 kamen täglich mehr Zuwanderer, die sich an den kleinen Verband der Jüdischen Gemeinden in der DDR in Berlin, Oranienburger Straße wandten, der mit dieser Aufgabe überfordert war. Ab August 1990 war ich in der neu geschaffenen Konsultations- und Beratungsstelle für jüdische Zuwanderer in Berlin Mitte tätig. Hier lernte ich unsere heutige Kollegin Assja Kazwa kennen, die als Klientin kam und deren Sprachkenntnisse als Deutschlehrerin aus dem früheren Leningrad dringend benötigt wurden. Bis zur Einstellung der Arbeit dieser Beratungsstelle Anfang 1991 infolge der Wiedervereinigung haben wir 4500 jüdischen Zuwanderern ein Aufenthaltsrecht und damit einen neuen Lebensweg ermöglicht. Rückblickend kann ich sagen, dass mir in dieser Zeit meine Jahre in der ehemaligen SU sehr geholfen haben. Über die Arbeit in dieser Beratungsstelle der damaligen DDR hatte ich die ersten Kontakte zum Zentralrat und zur ZWST. Diese Kontakte, zu der damaligen Sozialreferentin Aviva Goldschmidt und dem Direktor Beni Bloch, ließen in mir den Wunsch reifen, dort zu arbeiten, wo man Menschen schnell und unbürokratisch hilft. So wechselte ich zum 1. März 1991 zur ZWST. Das ist nun schon 26 Jahre her.“

Wie war die Situation in den östlichen Bundesländern? Was waren die Schwierigkeiten, was waren die Erfolge?

„Die Einrichtung von Beratungsstrukturen war in den neuen Bundesländern besonders schwierig. Es gab kaum jüdische, soziale oder religiöse, Infrastrukturen, auf die man als Basis hätte zurückgreifen können. Es ging ja – bis heute - um die Verknüpfung von gesellschaftlicher und jüdischer Integration. Ich habe zunächst Sprechstunden in den Aufnahmeeinrichtungen in Mecklenburg/Vorpommern, Brandenburg und in Sachsen durchgeführt und Kontakte zu öffentlichen Stellen hergestellt. 1998 wurde die überregionale ZWST-Beratungsstelle Potsdam/Brandenburg eingerichtet. Die Sozialberatung in den 6 jüdischen Gemeinden, die sich im Laufe der Zuwanderung gegründet haben, und die Interessenvertretung in den Gremien der LIGA der Wohlfahrtspflege, Netzwerken und Arbeitsgemeinschaften für Migration und Integration gehören zu meinen Aufgaben. Wichtig war und ist die Pflege von guten Kontakten zu den Sozialämtern, Ausländerbehörden und JobCentern.

Der Erfolg der ZWST im Land Brandenburg ist der langfristige Aufbau von sozialen Beratungsstrukturen und der stabile Kontakt zu den Gemeinden seit fast 20 Jahren. Von 1994 bis 2010 haben wir Integrationsseminare für rund 600 jüdische Zuwanderer in Brandenburg durchgeführt und konnten wichtige Starthilfen vermitteln. Die Zuwanderung hat die jüdische Gemeinschaft in Brandenburg gestärkt. Jüdisches Leben, Traditionen und Kultur wurden durch das Mitwirken der ZWST über die Gemeinden wieder in das öffentliche Interesse gerückt. Dies war seit mehr als 50 Jahren in der ehemaligen DDR kaum ein Thema.

Aber wir sind auch an Grenzen gestoßen und mussten Hürden überwinden, die wir uns nicht so problematisch vorgestellt haben. Ich nenne hier in erster Linie das Problem der Nicht-Anerkennung der im Ausland erworbenen Berufsabschlüsse. So wurden hoch qualifizierte jüdische Zuwanderer abhängig von staatlichen Sozialleistungen. Dies führte zu einer hohen Resignation. Daher hatte die Sicherung der Lebensverhältnisse, die schulische Ausbildung der Kinder und die Sorge um die Familie oftmals Priorität und ließ wenig Zeit und Raum, sich näher mit der eigenen jüdischen Identität und jüdischem Leben in Deutschland zu befassen. Aus diesen Erfahrungen könnten wir heute lernen: Durch bessere Voraussetzungen und unkompliziertere, weniger bürokratische Hilfen für Flüchtlinge, im hiesigen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.“

Wo stehen wir heute aus deiner Perspektive? Wo siehst du dein Aufgabengebiet, vor dem Hintergrund zukünftiger Anforderungen?

„Heute, fast 12 Jahre nach der gesetzlichen Neuregelung der Zuwanderung, sind die Zahlen der Neuzuwanderer zurückgegangen. Der zunehmende Anteil älterer Menschen in den Gemeinden erfordert eine Umorientierung und neue Fokussierung in der Sozialberatung der ZWST-Beratungsstelle. Zunehmend schieben sich Fragen und Themen der Gesundheit und ärztlichen Betreuung, der Isolation älterer Menschen, der Pflegebedürftigkeit, Vorsorgefragen und Patientenrechte in den Vordergrund.

Die Perspektive jüdischen Lebens in Brandenburg lässt sich heute nicht abschätzen. Fehlende Infrastrukturen und zu wenig ausgebildetes Personal können nicht so einfach kompensiert werden. Die Hilfe der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland untereinander ist gefragt.

Ich sehe meine Aufgabe darin, bei den Gemeinden besser funktionierende Betreuungsstrukturen für ältere und sozial schwache Gemeindemitglieder und deren Familienangehörige im Sinne von ´Bikkur Cholim` zu unterstützen. Darüber hinaus will ich mich für ambulante und stationäre Einrichtungen für ältere jüdische Zuwanderer in Brandenburg einsetzen. Die Zukunft jüdischen Lebens in Brandenburg wird auch davon abhängen, wie es der jüdischen Gemeinschaft gelingt, ihre Kräfte durch Veränderungen in der Gemeindestruktur zu bündeln. Die ZWST wird im Sinne ihres Leitbildes ´Zedaka` dabei unterstützend zur Seite stehen.“

Vielen Dank!

ZWST, HvB

 

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